
Michael Goller & Mike Wassermann
Gedichte & Zeichnungen
ISBN 978-3-86660-076-8
Leipziger Literaturverlag 2009
Das vorliegende Buch unternimmt den Versuch, sich ganz einzulassen auf die Suche nach einer neuen Seinsform zwischen Text und Bild. Etwas Ungenanntes. Erst der Dialog ermöglicht es. Das Buch wird notwendig als Ort dieser Begegnung. Flüchtig und gleichzeitig das Ganze einfordernd. Am Wendepunkt zwischen Konkretem und Vergessen. Um den Dialog zu ermöglichen, nimmt Michael Goller als Autor wieder das Pseudonym Mike Wassermann an. Der Autor wird dadurch Gestalt und greift aktiv in den Dialog ein.
Rezensionen:
Neue Wege zwischen Bild und Text, Künstler und Pseudonym
Vielleicht ist es gerade Mike Wassermann, der Michael Gollers neues
Buch "Konkretes Vergessen" zu etwas Außergewöhnlichem macht. Der
Einblick in das Innenleben des Künstlers, der 40 Gedichte seines
"anderen Ichs" Mike Wassermann neben 40 seiner Zeichungen stellt, ist
wohl nicht nur unter psychologischen Gesichtspunkten interessant. Denn
Michael Gollers Werke sind von ornamentaler, expressiver Kraft. Doch
vielleicht ist der Unterschied zwischen Text und Bild gar nicht so groß
wie vermutet. Bevölkert der Chemnitzer seine Gemälde doch nicht nur mit
menschlichen Gestalten, sondern greift auch auf Schriftzeichen zurück,
die jedoch erst als solche erkannt werden müssen. Dieses Buch versteht
sich als Begegnung, als Dialog. Kein Neuland für den 35-Jährigen. Als
Mitbegründer der Künstlergruppe "Querschlag" bleibt ein
Auseinandersetzen mit den anderen Mitgliedern Dirk Hanus, Michael
Knauth und Peter Piek natürlich nicht aus. Dabei ist Michael Golller
jedoch der Rastloseste von ihnen.
Zwischen Texten und Malen hin- und hergerissen, hilft ihm Mike
Wassermann vielleicht dabei, ein weiteres System in seine
schöpferischen Welten einzubringen. An den Orten des "Konkreten
Vergessens" kann jeder teilhaben am Dialog zwischen Text und Bild, aber
auch des Künstlers mit sich selbst.
Jens Kassner, Stadtstreicher 9/2009
Wenn sich die Kunstkritiker mit Kunstworten überschlagen, dann weiß
man: Jetzt wird's schwierig. Jetzt hat man es wieder mit KUNST zu tun.
Mit dem, was entsteht, wenn der Künstler mit Konventionen und
Traditionen bricht. Dann wird es dissoziativ, assoziativ oder
skriptural.
Dann werden spätestens die Kritiken zu Watte. Und die Kataloge bersten
vor Gelehrsamkeit. Das ist nicht unbedingt immer der Fehler der
Künstler, die sich auf ihre Art Mühe geben, das zu tun, was ihnen auf
der Seele brennt. Was nicht immer gelingt, auch wenn sie sich alle Mühe
geben oder arbeiten wie besessen, wie der Chemnitzer Michael Goller,
der sich als Dichter Mike Wassermann nennt. Er taucht auch unter beiden
Namen auf im Katalog des Leipziger Literaturverlages, hat dort schon
"Das Malbuch" veröffentlicht und zwei Bände, in denen er in beiden
Gestalten auftaucht: als Illustrator und Dichter. Das zweite kam in
diesem Herbst heraus. "Konkretes Vergessen".
Ganz Goller, ganz Wassermann. Die Arbeitsweisen, die der 35jährige an
den Tag legt, ähneln sich im Bild und im Text. Was die klugen Kritiker
über seine in Ausstellungen gezeigten Bilder sagen, könnten ihre
literaturwissenschaftlich vorbelastete Kollegen ganz ähnlich über die
Texte sagen.
"Das Fragmentarische und Dissoziative scheinen perfekt geeignet, das
Urbild unserer Wirklichkeit abzubilden: Im Rauschen der medialen
Eindrücke ist einzig das Flüchtige von Bestand", schrieb Torsten Obrist
beispielsweise 2008 in einem Katalog zu Gollers Bildern.
"Seine Malereien sind ornamental, expressiv und erzählerisch in einem,
sie mischen Comicelemente mit abstrakter Farbmagie, wollen verstören
durch inhaltliche Direktheit und dabei reine Kunst bleiben. Ein
realitätswacher Träumer, assoziativ Umschreibender, der Kosmen durch
Poesie bannen will", erklärte Dr. Ina Gille 2005 in einem Katalog, wie
sie Gollers Kunst sah.
"Michael Gollers Kunst ist beeinflusst von skriptural arbeitenden
Künstlern wie auch von expressiver Malerei", meinte Bernd Weise 2001 im
im Katalog "Labyrationen", dem ersten Buch mit Bildern und Gedichten
von Goller/Wassermann in der Edition Erata, die heute Leipziger
Literaturverlag heißt.
Wären wir natürlich nie drauf gekommen, wenn die Texte nicht auf der
Website des Künstlers stünden. Aber: "Abstrakte Farbmagie"? "Reine
Kunst"? "Fragmentarisch"? - Da kann man eigentlich nur noch Georg
Christoph Lichtenberg zitieren. Tun wir jetzt aber nicht. Das wäre zu
gemein.
Natürlich malt Goller keine Quadrate und grauen Flächen. Und manche
seiner Gestalten wirken natürlich comic-haft, oft auch einfach naiv,
durchgearbeitet selten. Goller, der von 1995 bis 2000 an der Hochschule
Mittweida ein "Medienstudium" absolvierte, steht nicht unbedingt in
bestimmten Kunsttraditionen oder gar Malerschulen.
Wobei das vielleicht gemein ist, Mittweida hier zu erwähnen. Aber man
muss auch nicht in Leipzig studieren, um eine eigene künstlerische
Sprache zu entwickeln. Es hilft, wenn es um Technik und Training geht.
Wer freilich eher um ein eigenes Profil, eine eigene Auseinandersetzung
mit dem Dingen kämpft, der macht dann eher wie Goller in einer
Künstlerinitiative Malfront oder einer Künstlergruppe Querschlag mit.
Die Namen sagen schon einiges. Auch wenn man sich 100 Jahre nach Geburt
der Post-Moderne so langsam fragt: Gegen was kämpfen die jungen
Burschen da eigentlich? Geht es tatsächlich immer noch (oder wieder)
gegen die Etablierten, die manchmal auch ganze Lehrstühle besetzen?
Oder geht es um die Attitüde des "Das ist KEINE Pfeife!"?
Oder ist es nicht eher der alte, nimmerermüdende Kampf mit dem eigenen
kleinen Leben: "gott ist überall", wie Goller alias Wassermann eines
seiner Gedichte nennt. Und es ist nicht das einzige, wo dieses für
viele Dichter so elementare Ringen mit sich, der Welt und dem ganzen
Rest durchschimmert. Durchschimmert wie durch ein fadenscheinig
gewordenes Gewebe. Denn das sind Wassermanns Texte im Grunde. Keine
schönen, bildhaften oder gar harmonischen Gedichte. Das versucht er so
gut es geht zu vermeiden. Aber das ist das Beeindruckende an Sprache:
Man kann sie zwar demontieren, bis die Zusammenhänge flöten gehen. Und
die postmodernen Dichter haben ja im letzten Jahrhundert alles
ausprobiert, was man mit Sprache nur anstellen kann. Aber wann man auf
Worte nicht verzichten will - und so weit geht Wassermann eben nicht -,
dann bleiben die Assoziationen da. Und es gibt eben haufenweise Worte
in der deutschen Sprache, die bringen eine ganze Wagenladung von
Assoziationen mit (anders als die Kunst-Worte von "dissoziativ" bis
"skriptural").
Und so kommt diese Suche des noch immer recht jungen Chemnitzers nach
dem Ur-Grund aller Gründe eben in seinen Texten genauso zum Vorschein
wie in seinen Bildern. So, wie in seinen Bildern Gesichter, Hände,
Schatten und kleine Gestalten sichtbar werden, die irgendwie wie aus
Höhlenmalereien oder aus dem Buch der Maya entsprungen scheinen, so
taucht neben Gott und Chaos und Welt (na, größer geht's nun wirklich
nicht) auch das Ur-Motiv aller Ur-Motive auf - etwa in "So und So II":
"Mondlicht fiel auf deine Schenkel ..."
Klar: Der Künstler möchte sich nicht gern in seine Karten schauen
lassen. Aber das heißt nicht, dass man in seinen Arbeiten nichts
entdeckt, auch wenn sie sich widerborstig geben und beim Lesen zu
spüren ist, wie der Autor sich richtig anstrengen musste, bestimmte
Bilder und Handlungsmuster zu vermeiden. Aber wie bekommt man heute
noch hin, wozu Rabelais noch tonnenweise Papier brauchte? Das ist ja
nicht ganz neu, dass man die Mythen und Legenden der vorhergehenden
Kunst-Macher zerfetzen, entlarven und karikieren möchte. Aber was
bleibt da, wenn die Assoziationen dann fast automatisch hinführen zu
"deine / Brüste troffen vor / Milch, wer sollte / sie trinken ..."
Naja. Es ist wirklich nicht leicht, heute noch immer jung zu sein und
etwas unverwechselbar Eigenes zu schaffen, wo doch alle die da Vincis
und Baudelaires schon da waren. Und auch über "Verzweiflung. Staubkorn.
Wind. Leere." haben schon so Viele geschrieben. Jeder Text ist ein
Kreuzweg. "fürchtet euch nicht", zitiert Goller die Bibel. Das tut er
öfter - und es fällt auf. Hier ist einer auf der Suche, spricht von
Ängsten und Unsicherheiten. Und eh das einer merkt, tritt er seinem
Vers mal lieber auf die Kehle (um Majakowski zu zitieren, der da nur
ein klein wenig anders meinte). Und dann? - "der weg der worte:
umgeleitet". Das ist dann ein kleiner Blick in die Werkstatt. Und wie
heißt die Überschrift zu diesem Gedicht? - "mein reich ist nicht von
dieser welt".
Ralf Julke, LIZ, 03.11.2009