Die Puppenspieler

Buch "Die Puppenspieler" von Michael Goller und Peter Piek

Michael Goller / Peter Piek
Leipziger Literaturverlag 2011
ISBN 978-3-86660-112-3
PPZK#7
Einband : Englisch Broschiert
Seiten/Umfang : 182 Seiten, 12 schwarz-weiß Abbildungen - 10,5 × 14,8 cm

Leipziger Buchmesse 17.-20. März 2011

Leipziger Literaturverlag
Halle 5, Stand C205

Termine Buchlesungen "Die Puppenspieler"

23. Dez 2010 Brauclub Chemnitz
3. Jan 2011 Radio T - Blue Monday
13. Jan 2011 Feuerwache, Magdeburg
4. Feb 2011 Morph Club, Bamberg
17. März 2011 Leipziger Literaturverlag - offizielle Buchpremiere mit Ausstellungseröffnung
8. April 2011 Horns Erben, Leipzig

Buchlesung "Die Puppenspieler" mit Peter Piek und Michael Goller - ein Dialog aus gesprochenem Text und MusikLesung aus dem Buch Die Puppenspieler - Michael Goller und Peter Piek bei RadioT in der Sendung Blue Monday. Foto: Karsten Zinsik Lesung Die Puppenspieler - Michael Goller und Peter Piek im Morph-Club in Bamberg am 4.2.2011. Foto: Markus Friedmann Galerie Erata / Leipziger Literaturverlag 

Verlagsinfo

Das neue Buch der Erfinder des Genres Art-Fiction ist nicht weniger Kult als ihr Debüt Das Malbuch. Durch und durch dialogisch geschrieben, führt es den Leser durch real existierende, mit Öl gemalte Puppenspieler-Bilder der Maler Goller und Piek zu herrlich abgedrehten erzählerischen Passagen, um letztlich in ein chat-inspiriertes Schauspiel zu münden. In diesem Buch kommen nur wenige heil davon, ein gnadenloses Wortgemetzel. Ein Herunterziehen schöner Fassaden. Das Abrechnen mit der Welt führt die Protagonisten, hier kurz Brushstrokepete und Seaofcolormick genannt, zuletzt in unmenschliche Gefangenschaft. Die Welt kann von diesem Buch auf jeden Fall profitieren. Alles was sie vorher tun muss: es lesen.

Rezension:

Goller und Piek erzählen fast verräterische Geschichten: Die Puppenspieler

Ralf Julke, LIZ 09.12.2011

Man hat's ja nicht leicht als Künstler. Als junger zumal. Und erst recht in der Ausbildung. Und mit 37 und 30 Jahren gehören Michael Goller und Peter Piek noch zu den jungen. Beide sind gebürtige Gorl-Morx-Städter. Heute heißt das Städtchen Chemnitz. Ihr Taschen-Dialog läuft unter der Kategorie "art fiction".
Ist natürlich keine eigene literarische Kategorie. Wird auch nicht gelehrt. Nicht an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig, wo Peter Peik seit 2002 studiert, auch nicht in Mittweida, wo Michael Goller ein Medienstudium absolviert hat. 2003 taten sich die beiden zusammen und gründeten die Künstlerinitiative Malfront. "Um die Malerei zu 'entschütten'", wie es auf der Website der Malfront heißt. Parallel gründeten sie mit Dirk Hanus und Michael Knauth auch noch die Künstlergruppe Querschlag. Auch diese Gruppe als politisches Kontra verstanden.
Mal Ina Gille zitiert, deren Text die Website bietet: "Natürlich bleibt es ein Querschlagen, Wut-Haben, Aufbegehren, Umsich-Schlagen, gegen das Leben aus zweiter Hand, den Konsumzwängen, Fernsehsüchten zu widerstehen, die seichten Unterhaltungsgelüste zu ignorieren, sich dieser gefilterte Wirklichkeit, vorgekaut, zu widersetzen, zu widersetzen mit Kunst."
Drei Pünktchen. Aha. Man hätte es fast nicht geglaubt. Aber der alte rebellische Geist ist noch wach. Der rebellische Geist, der vor 100 Jahren mal die Welt zu erschüttern versuchte. "Dada" war eine der Inkarnationen dieses Geistes. "Dada" steht und hängt heute im Museum und mancher hält es für ein Unterkapitel der "Moderne", die ja bekanntlich auch im Museum hängt oder steht oder verstaubt. Denn danach kam irgendwas Anderes, das die Herren mit den ungekämmten Haaren und den großen Hornbrillen dann "Zweite Moderne" oder Postmoderne nannten.
Geändert hat sich eigentlich nichts. Das, was künstlerisch gelungen war, hat seine Käufer und Verehrer gefunden. Anderes auch. Die Verwirrung ist nicht nur in kunstwissenschaftlichen Seminaren groß. Sie ist auch auf den Kunstmärkten entsprechend. Derzeit grübelt die halbe Welt, wie man einen Pollock nur hat fälschen können. Oder viele Pollocks.
Alles Ansichtssache. Gefälscht und kopiert haben die Menschen schon immer. Die halbe Überlieferung aus der antiken Welt sind Repliken und Nachahmungen. Meist deshalb noch so zahlreich zu finden, weil sich da irgendwo ein Bildhauer einen Stil zugelegt hatte, der auch noch in der Nachahmung der Nachahmung für ein Staunen beim Betrachter sorgte.
Davon träumen Kunstmacher auch heute noch. Und sie leiden darunter. Denn natürlich ist das Gedränge groß. Nicht nur, wenn an der HGB die Bewerbungen anstehen. Viele fühlen sich berufen.
Dies hier ist ein Büchlein aus der Leidenswelt junger Künstler. Zum größten Teil dialogisch geschrieben, ein Gemeinschaftswerk, in dem sich Goller und Piek, die man auf dem Cover strumpfmaskiert abgebildet sieht, die Bälle zuspielen. Sie erzählen auf diese Weise auch Geschichten. Geschichten aus der Welt der Künstler. Eine zum Beispiel über die große Leistungsschau in einer berühmten Kunsthochschule, wo sich beim Kampf um die beste Platzierung der Bilder ein großes Drama entspinnt. Es ist wie ein hübscher kleiner Blick in die gar nicht so kameradschaftliche Welt, in der der künstlerische Nachwuchs sich bildet. Der gewöhnliche Betrachter sieht ja beim Rundgang nur das Ergebnis, bleibt da und dort hängen, sieht lauter junge Leute, denen schnurzpiepegal zu sein scheint, ob den komischen Leuten, die da kommen, das irgendwie gefällt, was da hängt.
Ist also nicht so. Sie tun nur so. Schön, das zu wissen.
Manches in den Dialogen dieses Buches wirkt nur surreal. Wie das "Theaterstück", das am Ende ein ganzes Drittel des Buches ausfüllt und in dem die beiden Maler in die Fänge eines obskuren Gerichtes geraten und schließlich - gut verschnürt - im Gefängnis landen. Damit sie aufhören, so zu malen, wie sie es tun. Das kommt einem bekannt vor. So wie einige der Namen, die hier anklingen. Dass ein Neon Bauch hier den Vertreter der alles erdrückenden Malweise spielt, lässt ahnen, wie sehr man sich da in den Ateliers reibt. Aneinander und an denen, die schon da sind und die berühmt sind. Dass es junge Künstler freilich auch wie ein Leben zwischen Anklage und Verurteilung erleben, kann ein Kunstgriff sein. Muss es aber nicht.
Denn wer rebelliert, schafft auch Dissonanzen. Die können schmerzhaft sein.
Er schafft auch eigene Wertungen, grenzt sich ab, will anders sein. Und das muss man dann auch aushalten. Das scheint nicht wirklich leicht und schon gar nicht idyllisch zu sein, auch wenn es am Ende so etwas wie eine Errettung gibt. Eine einsichtige Richterin wird zur Retterin der beiden Verurteilten. Die Schlussszene hat etwas faustisches. Fast wartet man auf das bekannte "Gerettet!" Denn Johann Wolfgang Goethe war zwar kein Maler - aber er litt genauso zeitlebens unter dieser Dissonanz. Er ist ein gut Teil seines Fausts. Und die berühmte Rettung ist durchaus eine zweischneidige Angelegenheit. Man kann und darf sie auch ironisch lesen.
Bei Goller und Piek muss man sie ironisch lesen. Da fliegt sogar die Haftanstalt in die Luft.
Das Buch enthält auch ein paar Grafiken unter dem Titel "Puppenspieler". Im Original sind es Ölbilder. Das steht ganz hinten im Buch erklärt. Mit der Zuweisung an die beiden Künstler. Denn unterscheiden kann man es beim Betrachten nicht. Die beiden spielen auch mit der Verwechselbarkeit ihrer Handschriften. Auch so ein Moment aus der großen Werkstatt der Kunstgeschichte, wo sich Legionen von Sachverständigen die Köpfe darüber zergrübeln, ob ein Bild noch das Original des berühmten Malers ist oder eine Kopie von dessen eigener Hand oder von einem seiner Schüler oder von einem echten "Fälscher", der zwei Jahrhunderte später Hand anlegte.
Wer also demnächst mal wieder irgendwo eine idyllische Geschichte über Künstler liest, darf sich ruhig betrogen fühlen. Idyllisch ist das Leben der Leute ganz gewiss nicht, die sich im wachsenden Meer der Bilder und Eitelkeiten ein Plätzchen, einen Ruf und ein kleines bisschen Erfolg erarbeiten (oder erkämpfen) wollen. Maskerade und Puppenspiel sind dafür sogar noch recht zurückhaltende Synonyme.
Zum Trost für alle Rebellen: "Die Puppenspieler" ist Teil 2 einer von Goller und Piek geplanten Trilogie. Der erste Teil erschien 2005 in der Edition Erata, die sich mittlerweile zum Leipziger Literaturverlag gemausert hat. Ein dritter Teil unter dem Titel "Die Neue Welt" sei in Arbeit, heißt es aus dem Malfront-Kosmos.

Kapitelübersicht

I Heiland-Trilogie
in welchem ein Glas Wein geöffnet, und eine Fliege durch Handabschütteln auf eine lebensgefährliche Odyssee geschickt wird. Außerdem: ein Gespräch über Künstlergruppen.
II Der Rundgang
in welchem die Wahrheit über die Hochschule für Mimik und Spruchkunst gesagt wird, ein eiszeitlicher Jäger von der Fährte abkommt und am Kaffeeautomaten das wahre Wesen der Langeweile aufgezeigt wird.
III Im Koma
worin ein Theaterstück geprobt, eine dialogische Lesung am Robbenbassin gewaltsam unterbrochen, und die Natur der Zahl zwölf pedantisch untersucht wird.
IV Das bessere Malbuch
in welchem auf K’s Anregung hin der Autor und die Doktorin sich sehr nahe kommen, Farbterroristen die U-Bahn bedrohen, und zwei Weltretter sich auf einem fernen Planeten mit Ackerbau und Viehzucht auseinandersetzen.
V Das Theaterstück
in dem der Chat begonnen, und das im dritten Kapitel geprobte Theaterstück endlich aufgeführt wird.
1. Chat
in welchem beim Wolfshändler Wölfe verkauft werden. Der stinkende Flutzky vertreibt Chanel und wird zusammen mit 5 Neon-Bauch-Bildern gegen einen zerknickten Wolf getauscht.
2. Chat
in welchem ein ganzer See ausgepumpt wird, eine Krankenschwester auch mal die Spritze halten will, und ein Spaziergänger auf Magenschleim ausrutscht.
3. Chat
in welchem Brushstrokepete und Seaofcolourmick wegen „Malen ohne Zahlen“ angeklagt, und erste Zeugen aufgerufen werden. Flutzky hüstelt und schwitzt.
4. Chat
in welchem selbst von hochkarätigen Zeugen der Verteidigung die lebenslange Freiheitsstrafe nicht verhindert werden kann, Peter Stone seinen letzten Auftritt hat, und die Richterin, die von Chanel gespielt wird, Whisky im Gerichtssaal verteilt.
5. Chat
wo Zigaretten an Wangen ausgedrückt, Chocoballs in Joghurt eingerührt und Wärter weit ausholen (Treffer), in welchem Klebeband erneuert, ein stellvertretender Gefängnisdirektor zu uns kommt und ein schmerzfreies Nachdenken unmöglich wird.
6. Chat
in dem ein Bild mit dem Kopf gemalt wird, trotz Schmerzen Strukturen entstehen, Tränen vergossen, und die Maler bewusstlos am Boden liegen.
7. Chat
in welchem die Richterin ihre Rosinen zeigt, zahlentheoretische Spiele gespielt werden und ein Auge mit Klebeband am Scanner befestigt wird.