Die Suche währt noch immer

Michael Goller ist dem Urbild dicht auf der Spur

artikelZwei Treppen hoch im versteckten Hinterhofhaus und man betritt das Reich des Michael Goller. Oder das des Mike Wassermann. Es ist eine Welt der Visionen, eine Welt der Zielstrebigkeit, des Kampfes aber auch der Zurückgezogenheit. Der Künstler Goller ist ruhig und sanftmütig mit großen braunen Augen, aber im Gespräch genau so bestimmt und fordernd.
„Nutella im Gesicht“ heißt einer seiner Bildtitel. Ein Kopf um den Mund braun, eben nutellaverschmiert, sonst viele gedeckte Farben in wirren Knäueln, die sorgsamer gemalte Gefäße wieder zugedeckt haben. Rot, Grün, Grau, Violett. Und ein Rechteck, genau abgetrennt, das Fragmente aus dem Bild schematisch wieder aufnimmt, das runenartige Buchstaben enthält. Hä?
Einen Realitätsbezug gibt es: Das Frühstück mit dem Sohn. Die Realität ist dennoch nur Fragment, das sich mit anderen Dimensionen ergänzt zu einem Bildkosmos. Eisberge sind Gollers Bilder. Sie umfassen das Ganze und zeigen dennoch nur einen kleinen Teil. Der Rest muss gefühlt werden, ist nicht in Worte zu fassen. Rechteckige Durchbrüche sind „Kommunikationspunkte“, weiterführen tun sie trotzdem nicht. Wie schwarze Löcher ziehen sie höchstens unsere Aufmerksamkeit auf sich. Eigentlich müsste der Betrachter für die Betrachtung viel mehr Zeit haben. Mindestens solange wie das Malen des Bildes in Anspruch nahm. „Also monatelang“, wünscht sich Goller. Dabei sollte die eigens erfundene Schrift nicht stören. „Bei mir ist der Text nur Text, das Gesamtbild ist die Botschaft.“
Goller fing, 14-jährig, an zu zeichnen. Noch heute hält er das Zeichnen, das er seit acht Jahren mit beiden Händen gut beherrscht, für eine wichtige Konditionsübung des Malers, auch beim Gespräch kann er es nicht lassen, auf einem großen Zeichenblock entsteht mit grünem Buntstift eine Skizze. „Im pubertierenden Zeitalter hatte ich eine Art Bildvision. Ich habe gewusst, dass ich mich malerisch nähern kann.“ Weil ihn damals alle für verrückt hielten, fragt er auch heute noch: „Das klingt vielleicht alles bisschen albern?“ Mit 18 malte er sein erstes Ölbild. Zwei Jahre war er da schon von zu Hause ausgezogen, nahm an Abendkursen im Malen und Zeichnen teil. „Aber irgendwie hat das alles nichts gebracht.“ Dann das Studium in Mittweida, ein Alibi, um Zeit zu gewinnen. Abschluss mit einer Diplomarbeit über Grundlagen eines neuen Faches: Mediendesign. Dann Dozent dieser Fachrichtung, aber nur ein Jahr. „Mit verschiedenen Jobs habe ich immer selbst aufgehört, weil ich das psychisch nicht auf die Reihe bekommen hab, mich wieder entfernte vom Urbild.“
Trotzdem spricht Goller in mehreren Zusammenhängen von einer Spaltung. Er hatte zeitweise drei Namen: Sören Schumann, der Programmierer ist inzwischen „abgeschafft“, er starb an einem Gehirntumor, Mike Wassermann liegt gerade im Koma. Wassermann ist der im Ausweis eingetragene Künstlername von Goller und er ist Lyriker. Mit dieser künstlerischen Aufspaltung kam der Maler nicht zurecht. So vereinten sich Malerei und Schreiben wieder in den Gemälden, so wie das gestische und das schematische Element sich eigentlich ausschließen, bei ihm aber eine fruchtbare Verbindung eingehen.
Ähnlich ist das mit dem Malerkollegen Peter Piek, den Goller 2003 kennenlernte und der wie Goller selbst Mitglied der Künstlergruppe Querschlag ist. Ihre Verbindung trägt verschiedene Früchte, so haben sie ein gemeinsames Buch geschrieben und ein eigenes Studium „aus dem Boden gestampft“, in dem sie selbst „die Inhalte erringen“. Das Grundstudium haben sie gerade abgeschlossen. Darin hatte auch die „Dunkelmalerei“ eine Rolle gespielt. Goller leidet an einer erblichen Überempfindlichkeit der Regenbogenhaut. Schon mehrmals ist er zeitweise auf einem Auge erblindet. Das hat er für den künstlerischen Ausdruck, seiner Form der Welt zu begegnen, genutzt.
„Sandmännchen im Knast“: rechts im Bild der Genannte in seinem Türkis, weiße Haare. Fett und schwarz die Gitterstäbe des Knastes, über einer Menge anderer Farbschichten. Auch wieder die Gefäße, blau konturiert, durchsichtig, lassen sie den Blick auf die anderen Schichten frei. Und der Text ist auch wieder da. „Paranoia für alle“. In solchen großen Werken tobt sich Michael Goller am liebsten aus, denn: „Je kleiner das Format, desto fragmentarischer ist es.“ Aber was heißt hier austoben? Wenn das Licht nachmittags gut zum malen ist, entstehen langsam vielschichtige und vielgeschichtige Werke auf der Suche nach dem Urbild. Und wir können nur hoffen, dass er es nie erreicht. Dann ginge uns ein großer Maler verloren.
Silvia Halfter (Hamburg/Leipzig), 8/2005, Freie Presse