"Zeichnungen und Malerei"

Städtische Galerie Hohenstein-Ernstthal 11.7. bis 6.9.2013



Peter Piek: Einleitung zur Ausstellung

Ich habe schon einige Ausstellungen von Michael Goller gesehen.

Jede war unmittelbare gemalte Wirklichkeit. Jede dieser Ausstellungen war etwas besonderes, unwiederholbares, in der Zeit liegendes. Michael Goller macht sichtbar, dass eine Ausstellung mehr kann als Bilder zeigen. Sie schafft Räume. Schafft Brücken. Lässt Schwingungen wie Musik zwischen den einzelnen Bildern entstehen. Eine Ausstellung ist im besten Fall nicht nur Gruppierung von Dialog, sie ist auch ihr eigenes interdialogisches Subjekt. Denn genau nach diesem interdialogischem Subjekt ist Michael Goller auf der Suche.

Warum ist nun diese Ausstellung etwas Besonderes werden Sie vielleicht fragen. Zum einen natürlich weil die Bilder einfach etwas besonderes sind. Zum anderen ist diese Ausstellung besonders weil sie so, wie sie ist, vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wäre.

Der Künstler befindet sich gerade in einer alles umwälzenden Phase der künstlerischen Entwicklung, die hier in dieser Ausstellung zu sehen ist. Nach einem äußerst umfangreichen Werk von unzähligen, ja tausenden, Arbeiten die der Künstler seit 1988, geschaffen hat. Unzählige Leinwände, Werkgruppen. 25 Jahre in denen der Künstler sein Werk zu hoher Komplexität innerhalb der Malerei verdichtet hat. In Ebenen verschachtelt hat. Seine eigene Schrift erfunden hat. Eine zweite und eine dritte eigene Schrift erfunden. Bildelemente entwickelt hat. Gestisch geforscht. Figuratives untersucht hat. Alle Farben, ja selbst das Grau als Farbe erforscht hat. Mit dem Kopf und mit den Füßen gemalt. Eine unverwechselbare neue Bildsprache entwickelt. Den typischen Gollerschen Bildausschnitt erfunden. Philosophie studiert und gemalt. Zu einem Komplex-Bild verdichtet und verdichtet hat. Nach all der langen, kontinuierlichen und fruchtbaren Arbeit brach plötzlich - die Stille über ihn ein. Diese Stille änderte alles. Und nach Ihr war vieles nicht mehr wie es vorher war.

Mit der Stille kam das Ende aber auch der Neubeginn. In dieser Ausstellung sehen sie einige der letzten Arbeiten aus der abgeschlossenen Phase der verdichteten Malerei. Und sie sehen erste Ergebnisse der soeben begonnenen Neuen Phase Zeichnungen dokumentiert. Was genau ist nun also das Neue: Die Zeichnung ist seit ungefähr einem Jahr nicht mehr nur ein Heran tasten an das spätere Ölbild. Ist keine Vorstufe mehr. Stattdessen ist der Bleistiftstrich Manifest. Vollkommen wie unvollkommen oder unvollkommen wie vollkommen. Bleistift eingebrannt in Papier. Die Zeichnung behauptet sich. Stellt sich über das Bild. Ist kleiner in Metern aber von der Inneren Struktur viel größer. Stellen sie sich diese Zeichnung einmal als Ölbild vor. Wie groß müsste das sein wohl sein, das sie diese nahezu winzigen, ewiges zeichnen dauernden Strukturen sichtbar machen könnte. Sechs Meter? Sieben Meter? Der Moment des Zeichnens ist wie Musik sagt Michael Goller. Die Malerei ist nicht abgeschafft - ist aber kaum wieder zu erkennen. Auch in Ihr erkennt man die Stille. Die Ebene ist soweit es eben geht zerstört worden. Unkonkret flattert und liegt das Bild wie in ein anhaltender niemals verklingender Akkord.

Niemand weiß was morgen ist. Niemand weiß noch genau was Gestern war. Dahingehend sind sich Zukunft und Vergangenheit fast identisch. Nur das Jetzt ist der einzige singulare wirkliche Moment.

Dennoch. So grundlegend und umwälzend der künstlerische Wandel auch ist. Michael Goller ist und bleibt Michael Goller.

Ist der Wechsel nicht auch folgerichtig und linear lesbar? Ging es dem Künstler nicht schon immer um das Erforschen des Interdialogischem Subjektes? Und ist nicht gerade die Kombination aus Zeichnung, der ich nenne es jetzt mal 'übrig gebliebenen' Malerei die versucht möglichst nichts zu sein, die befreit ist von der Zeichnung, und den neuen Schriftrollen, die versuchen Ihre Bildbegrenzung aufzuheben. Ist nicht zwischen diesen Dingen, die irgendwie auch offener scheinen, innerhalb der Ausstellung ein interdialogisches Subjekt viel stärker möglich als vorher? Was im Zwischenraum zwischen den Ebenen entsteht! das war früher. und das ist jetzt. Nur eben ganz und komplett anders. Vielleicht sind die Ebenen jetzt einfach noch weiter auseinander.

Es ist die Suche nach einer neuen Sichtweise. Es ist die Suche nach einem Wunder, die den Künstler dazu antreibt. Etwas zu schaffen versuchen, dass die gewohnten Bildgesetze außer Kraft setzt.

Ich stelle es mir folgendermaßen vor. Michael Goller läuft. Zu Fuß. Er fährt nicht mit dem Fahrrad, auch nicht mit dem Auto. Er läuft. Zügig. Während des Laufens malt er und das malen geschieht wie Musik. Er läuft auf etwas hinzu von dem weder er und natürlich auch wir nicht wissen wie es aussieht. Wie magisch angezogen. 25 Jahre lief er bereits. Durch Wald, durch Städte, zum Teil durch Dschungel. Es gab Lichtungen auch. Aber nie konnte man weit blicken. So sah dieser Weg aus: und so Bergab und Bergauf. Jetzt scheint es traf der Künstler plötzlich. Wie wenn man auf einen Berg hochgeht, die Waldgrenze, Die Grüngrenze. Oder an dem Ort wo plötzlich die Wüste anfängt. Ich weiß es nicht. Aber deswegen ist es so wie wir es sehen. So läuft er also weiter. Die Erfahrung der Stille markiert den Übergangspunkt. Und plötzlich kann er weit schauen und zeigt es uns.

Nach längerem Überlegen sehe ich also diesen Umbruch nicht als Umbruch sondern als gehen des sich verändernden Weges. Wie hätte man anders laufen können? Hätte man im Wald bleiben sollen? Es wurde versucht. Gezaudert bei dem Übergang. Zu stark die Magnetkraft des Ziels. Vieles gab der Künstler dafür auf. Der Weg ist beschwerlicher geworden. Viel Zeit braucht es nun, um noch voran zukommen. Allmählich entwickelt sich Klarheit: Bild - Text - Kontext.

Diese Ausstellung verdeutlicht den ersten Schritt in ein neues unbekanntes Gelände. Ein Uminterpretieren der Bildgrammatik. Ein Vortasten und ein Versuch die Öffentlichkeit mitzunehmen. Ein Prozess wurde angestoßen. Sie als Besucher dieser Ausstellung sind Teil dieses Prozesses. Jetzt und hier in dieser Ausstellung ist es, wo Zukunft und Vergangenheit zusammenkommen.

Peter Piek, 11.7.2013