© Fotos (3): Andreas Bley
Der Titel dieser Ausstellung ist Festlegung und
Veränderlichkeit in einem:
„Vom Anlegen des Bootes im Zwischenraum“.
Beider Werksprache strahlt genau das aus. Der jetzige
Ausstellungszustand eines Bildes hätte auch ein anderer sein können,
hätte vielleicht noch eine Schicht mehr oder weniger bekommen können.
Es wurde bewusst Station gemacht in genau diesem Zustand, der eben auch
ein anderer hätte sein können.
Was beide als wesentliche Grundlage Ihres Schaffens empfinden, ist die
Poesie, speziell die Lyrik. Michael Goller schreibt selbst Gedichte,
allerdings unter dem Namen Mike Wassermann und seine neueste
Veröffentlichung durch den Leipziger Literaturverlag liegt heute abend
fast druckfrisch vor Ihnen. Peter Grosz ist stark beeinflusst durch das
Werk von Paul Celan, dessen Gedichtzeilen häufig als Titel seiner Werke
wiederkehren. Und wenn ich sage, dass der neue Gedichtband von Michael
Goller „Konkretes
Vergessen“ heißt und ein Werktitel von Peter Grosz
„Das Nichts rollt seine Meere zur Andacht“, dann erahnt man den
Gleichklang der Denk-und Inspirationswelten dieser beiden Künstler,
deren optische Äußerung jedoch auf den ersten Blick so unterschiedlich
scheint.
Wenn man sich den Werken von Michael Goller nähert, hat man
immer das Gefühl in verschiedenen Zeiten oder Räumen gleichzeitig zu
sein, in einer oder mehreren Geschichten oder Erzählungen. In seinen
Bildern herrscht eine malerische Bewegungs- und Dimensionsvielfalt, die
anfangs chaotisch wirkt, zufällig und spontan, aber bei näherer
Betrachtung offenbart sich eine absolute Bewußtheit für Farbe und
Bildaufbau.
Der Philosoph Ernst Bloch, den Goller liest, schätzt und in dessen
Schriften er sich inhaltlich wiederfindet, beschreibt in seinem
Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ die Gegenwart als einen blinden Fleck
auf der Netzhaut. Gegenwart kann also „nicht betrachtet“ werden – ganz
im Gegensatz zur Vergangenheit, die betrachtet, analysiert,
systematisiert werden kann und aus der Erkenntnisse gezogen werden
können und auch im Gegensatz zur Zukunft, in der Träume, Wünsche,
Vorstellungen Raum und Form finden.
In der Unmittelbarkeit der Gegenwart kann man „nur handeln“.
Um diese 3 Ebenen zu überwinden, muss man Sprünge machen.
Goller macht sie in seiner Malerei. Seine Werke sind ein
Kommunikationsversuch zwischen zeitlichen Ebenen. Um zu springen, muss
man selbst sich verwandeln können und wollen.
Und Malerei ist an sich Wandlung, Transformation: das Sehen der Augen,
die Umwandlung dessen im Gehirn, die nochmalige Umwandlung des
Geistigen in die Sprache der Malerei, die Entscheidung, wann die
Umwandlung für ein spezielles Werk abgeschlossen ist.
Michael Goller setzt den Schlusspunkt ganz bewusst und sicher, aber das
Bild wirkt, als ob eine erneute Wandlung jederzeit möglich wäre, als ob
nichts abgeschlossen ist.
Und genau wie Peter Grosz setzt er dem Material FARBE ein Denkmal, er
huldigt mit seinem Malstil regelrecht diesem Medium. Flächendeckend
darf der breite Pinsel eine abschließende fast alles bis dato gemalte
überdeckende Schicht bilden, die alles Gemeinte und Gesagte wieder in
Bewegung bringt, durcheinanderwirbelt, auflöst, nichtig macht, in Frage
stellt.
Kleine Fenster mit Zeichen oder Zeichnungen wirken wie ein momentaner
Focus, der gesetzt wird, aber vielleicht dem nächsten breiten Pinsel
zum Opfer fällt.
Ungewöhnliche Schriftzeichen fallen auf. Da man sie auf den ersten
Blick selten entziffern kann, bleiben sie grafische Elemente,
geheimnisvoll und scheinbar mit Bedeutung.
Diese Schrift hat Michael Goller selbst entwickelt und sie folgt festen
Regeln und ist sehr wohl lesbar, wenn man diese Regeln kennt. Die
Worte, die dann zu lesen sind, können definitiv helfen, das Bild besser
zu verstehen, wenn man...ja, wenn man den Code knackt. Bei manchem Bild
geht es recht schnell und man denkt, jetzt hat man die Regel erkannt
und versucht nun, sie auf andere Bilder anzuwenden. Leider wird man
enttäuscht sein. Man kann Erkenntnisse nicht auf verschiedene
Situationen übertragen. Leider.
So ist jedes Bild eine erneute Herausforderung...
Sybille Nütt, Dresden 9/2009
Christkind
2008, Öl auf Leinwand, 130 x 110 cm