Vom Anlegen des Bootes im Zwischenraum

Galerie Sybille Nütt 18.9. bis 31.10.2009 [mit Peter Grosz]

Michael Goller, Peter Grosz Sybille Nütt, Christoph Hesse Michael Schwill, Michael Goller

© Fotos (3): Andreas Bley

Der Titel dieser Ausstellung ist Festlegung und Veränderlichkeit in einem:
„Vom Anlegen des Bootes im Zwischenraum“.
Beider Werksprache strahlt genau das aus. Der jetzige Ausstellungszustand eines Bildes hätte auch ein anderer sein können, hätte vielleicht noch eine Schicht mehr oder weniger bekommen können. Es wurde bewusst Station gemacht in genau diesem Zustand, der eben auch ein anderer hätte sein können.
Was beide als wesentliche Grundlage Ihres Schaffens empfinden, ist die Poesie, speziell die Lyrik. Michael Goller schreibt selbst Gedichte, allerdings unter dem Namen Mike Wassermann und seine neueste Veröffentlichung durch den Leipziger Literaturverlag liegt heute abend fast druckfrisch vor Ihnen. Peter Grosz ist stark beeinflusst durch das Werk von Paul Celan, dessen Gedichtzeilen häufig als Titel seiner Werke wiederkehren. Und wenn ich sage, dass der neue Gedichtband von Michael Goller „Konkretes Vergessen“ heißt und ein Werktitel von Peter Grosz „Das Nichts rollt seine Meere zur Andacht“, dann erahnt man den Gleichklang der Denk-und Inspirationswelten dieser beiden Künstler, deren optische Äußerung jedoch auf den ersten Blick so unterschiedlich scheint.

Wenn man sich den Werken von Michael Goller nähert, hat man immer das Gefühl in verschiedenen Zeiten oder Räumen gleichzeitig zu sein, in einer oder mehreren Geschichten oder Erzählungen. In seinen Bildern herrscht eine malerische Bewegungs- und Dimensionsvielfalt, die anfangs chaotisch wirkt, zufällig und spontan, aber bei näherer Betrachtung offenbart sich eine absolute Bewußtheit für Farbe und Bildaufbau.
Der Philosoph Ernst Bloch, den Goller liest, schätzt und in dessen Schriften er sich inhaltlich wiederfindet, beschreibt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ die Gegenwart als einen blinden Fleck auf der Netzhaut. Gegenwart kann also „nicht betrachtet“ werden – ganz im Gegensatz zur Vergangenheit, die betrachtet, analysiert, systematisiert werden kann und aus der Erkenntnisse gezogen werden können und auch im Gegensatz zur Zukunft, in der Träume, Wünsche, Vorstellungen Raum und Form finden.
In der Unmittelbarkeit der Gegenwart kann man „nur handeln“.
Um diese 3 Ebenen zu überwinden, muss man Sprünge machen.
Goller macht sie in seiner Malerei. Seine Werke sind  ein Kommunikationsversuch zwischen zeitlichen Ebenen. Um zu springen, muss man selbst sich verwandeln können und wollen.
Und Malerei ist an sich Wandlung, Transformation: das Sehen der Augen, die Umwandlung dessen im Gehirn, die nochmalige Umwandlung des Geistigen in die Sprache der Malerei, die Entscheidung, wann die Umwandlung für ein spezielles Werk abgeschlossen ist.
Michael Goller setzt den Schlusspunkt ganz bewusst und sicher, aber das Bild wirkt, als ob eine erneute Wandlung jederzeit möglich wäre, als ob nichts abgeschlossen ist.
Und genau wie Peter Grosz setzt er dem Material FARBE ein Denkmal, er huldigt mit seinem Malstil regelrecht diesem Medium. Flächendeckend darf der breite Pinsel eine abschließende fast alles bis dato gemalte überdeckende Schicht bilden, die alles Gemeinte und Gesagte wieder in Bewegung bringt, durcheinanderwirbelt, auflöst, nichtig macht, in Frage stellt.
Kleine Fenster mit Zeichen oder Zeichnungen wirken wie ein momentaner Focus, der gesetzt wird, aber vielleicht dem nächsten breiten Pinsel zum Opfer fällt.
Ungewöhnliche Schriftzeichen fallen auf. Da man sie auf den ersten Blick selten entziffern kann, bleiben sie grafische Elemente, geheimnisvoll und scheinbar mit Bedeutung.
Diese Schrift hat Michael Goller selbst entwickelt und sie folgt festen Regeln und ist sehr wohl lesbar, wenn man diese Regeln kennt. Die Worte, die dann zu lesen sind, können definitiv helfen, das Bild besser zu verstehen, wenn man...ja, wenn man den Code knackt. Bei manchem Bild geht es recht schnell und man denkt, jetzt hat man die Regel erkannt und versucht nun, sie auf andere Bilder anzuwenden. Leider wird man enttäuscht sein. Man kann Erkenntnisse nicht auf verschiedene Situationen übertragen. Leider.
So ist jedes Bild eine erneute Herausforderung...

Sybille Nütt, Dresden 9/2009

Christkind

Christkind
2008, Öl auf Leinwand, 130 x 110 cm