Prometheus und der Adler

Kunstverein Husum 2.3. bis 13.4.2008

Kunstverein Husum
Einführung in die Ausstellung
Es gibt für Goller kein Entweder-Oder. Nein, bei ihm hat auch ein Dazwischen seine Existenzberechtigung. So wie in seinen Bildern selbst eine Beziehung zwischen Wort und Bild besteht, zeigt sich Goller entsprechend offen für das Schreiben über Kunst und verweigert sich dabei etwaigen dogmatischen Positionen. Nach dem Zusammen-hang zwischen Text und Bild gefragt, lässt er uns dennoch wissen (Zitat): "Es gibt ein Sein im Bild, und vor allem in der Malerei, welches sich ausschließlich und nur durch das Bild offenbart."(...)
Die neueren Bilder zeichnen sich hingegen durch eine Farbwelt aus, die alles andere als düster ist. Goller wählt seine Farben mit sicherem Instinkt und setzt sie temperamentvoll aber gezielt ein. So entsteht eine insgesamt harmonische, meist heitere farbliche Stimmung, die den ansonsten eher unruhigen Komponenten der Werke zu Stimmigkeit verhilft. Zudem wird Ihnen vielleicht auffallen, dass der Künstler einen expressiven Malstil hegt. Zwar lassen sich seine Arbeiten nur schwer zuordnen; sie sträuben sich gewissermaßen davor, durch allzu strenges Katalogisieren eingeengt zu werden. Dennoch wollen sie unseren Blick fesseln. In dieser Intention verbindet Goller oftmals verschiedene Stilmittel in einem Bild – seinen mal rigoros, mal verspielt wirkenden Farbauftrag komplettiert er mit runenartigen Schriftzügen, die er in noch feuchte Farbe einritzt, damit sie das Bildliche beschreibend ergänzen mögen. Auch gezeichnete Figuren oder wie Fremdkörper wirkende graphische Elemente fügt er hinzu – wie dezente Hinweise auf ein dem Werke innewohnendes Geheimnis.
Vorherrschend bleibt jedoch eine vehemente, unmittelbare Formsprache, so dass man geneigt ist, seine Bilder als gestische Malerei zu bezeichnen. Dynamische Pinselschwünge und ein zumeist ungebrochener Farbauftrag sind Ausdruck von Spontaneität und ungezügelter Schaffenskraft.
Worum könnte es dem Künstler gehen? Was wollen uns diese Bilder sagen? Ihnen eine hinreichende Antwort auf diese Frage zu geben, wird mir nicht gelingen. Mein Eindruck ist jedoch, dass der Künstler uns durchaus etwas mitteilen will… Was Ihnen nun gar selbstverständlich erscheinen mag, ist vielleicht doch einen zweiten oder dritten Gedanken wert.(...)
Von Anbeginn der Menschheit wird deren Entwicklung in Form von „Geschichten“ erzählt. Schon früh hat die Dichtung die Funktion gehabt, anhand von Erzählungen über übernatürliche Wesen, die Welt erklärbar und überschaubar zu machen. In den meisten Kulturen findet man Mythen über die Weltentstehungsgeschichte, die eigene Entstehungsgeschichte oder wiederkehrende Abläufe. Alle Mythen setzen Beziehungen zwischen den Menschen und natürlichen Dingen und Abläufen voraus, und stellen darauf basierend eine Beziehung des Alltäglichen zum Übernatürlichen her. Es gibt keine klare Abgrenzung vom Menschen und dem Außermenschlichen. Mischwesen werden beschrieben; auch eine klare Abgrenzung zwischen Tier und Mensch besteht nicht. So entsteht eine „Beseeltheit“ der Dinge, die sich bis in unsere heutige Zeit fortschreibt. So verwundert es nicht, dass Künstler auf der ganzen Welt auch heute noch mythische Themen in ihren Werken verarbeiten und reflektieren.
Kunst hat uns schon immer geholfen, die Welt zu verstehen. Sie dient als Spiegelbild unserer Lebenswelt und hilft, neue Sichtweisen zu entwickeln. Was mir dabei enorm wichtig erscheint, ist das Kunst uns erlaubt, die Dinge zu hinterfragen. Es ist erlaubt, in der Frage zu verharren!
Barbara Lang, Kulturmanagerin Hamburg, 03/2008

Kunstverein Husum
Einleitung
Michael Goller wurde 1974 im heutigen Chemnitz geboren, er lebt auch heute wieder dort. Er absolvierte von 1995 bis 2000 ein Medienstudium. Seine Arbeiten wurden außer in seiner Heimatstadt unter anderem in Dresden, Saarbrücken und Hamburg ausgestellt.
Gestatten Sie mir ein paar Worte zur Ausstellung. Was erwartet Sie? Was bekommen Sie zu sehen? Zunächst einmal, und das war sicherlich Ihr erster Eindruck, Bilder mit einer überaus variationsreichen Farb- und Formensprache. Mit Recht ist Goller „ein spontaner Kolorist mit beneidenswertem Farbempfinden“ genannt worden. Dann werden Sie feststellen, dass viele Bilder sich zu thematisch zusammenhängende Bilderzyklen gruppieren. Sie nähern sich aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Herangehensweisen demselben Gegenstand. Und bei genauerem Hinsehen erweist sich, dass Michael Gollers Bilder Geschichten erzählen. Ich möchte hier exemplarisch auf einen Erzählstoff eingehen. Die Ausstellung trägt den Titel „Prometheus und der Adler“ und verweist damit auf griechische Mythologie. Michael Goller hat zum Prometheus-Mythos eine Reihe von Bildern gemalt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf auseinandersetzen. Um die Bilder besser zu verstehen, sollten wir uns den Prometheus-Mythos ins Gedächtnis rufen.
Prometheus ist ein Titan, nimmt also eine Zwischenposition zwischen Göttern und Menschen ein. Sein Name bedeutet: der Vorausdenkende, der vorher Denkende. Prometheus überlistete den Göttervater Zeus und brachte den Menschen gegen den Willen des Göttervaters das Feuer. Zur Strafe ließ dieser ihn an einen Felsen ketten. Jeden Tag kam ein Adler, um von seiner Leber zu fressen. Viele Jahrhunderte lang flehte der unsterbliche Prometheus vergeblich um Gnade, bis schließlich der Held Herakles ihn erlöste, indem er den Adler erschoss und Prometheus von seinen Fesseln befreite.
Michael Goller erprobt in seinen Bildern neue Varianten des Mythos. Zunächst wählt er ein traditionelles Bildthema, wenn der Die Befreiung des Prometheus darstellt. Sehen Sie selbst, wie Goller mit diesem in der Kunstgeschichte vielfach bearbeiteten Thema umgeht. Das Bild P. erschafft den Adler und haucht ihm Leben ein greift auf jenen Teil des Prometheus-Mythos zurück, in dem der Titan als Schöpfer von Tieren und Menschen beschrieben wird. Der Adler ist hier Geschöpf des Prometheus und nicht mehr Inbegriff der göttlichen Gewalt und Bestrafung. Die Bilder P. verzehrt den Adler und P. verzehrt die Leber des Adlers kehren die im Mythos überlieferten Rollen radikal um. Der Schöpfer und Lebensspender Prometheus wird zum Vernichter von Leben; der gepeinigte Prometheus wird zum Peiniger. Eine Rollenumkehrung vollzieht auch das Bild P. füttert den Adler mit der Leber des Herakles. Prometheus lässt seinen Retter an seiner Stelle leiden. Diese Umerzählung des Mythos verweist auf Atlas, einen Bruder des Prometheus, der vergeblich versuchte, Herakles an seiner Stelle die Last des Weltalls aufzubürden. Nicht erst seit Goethes berühmtem Gedicht wird die Gestalt des gottähnlichen Schöpfers Prometheus mit dem Selbstverständnis des Künstlers in Verbindung gebracht. Wenn wir vor diesem Hintergrund Gollers Prometheus-Bilder deuten, dann können wir sagen: Diese Bilder reflektieren über sich selbst, über den Prozess ihrer Entstehung und über ihr Verhältnis zum Künstler, dessen Kreation sie sind.
Dieter Pelties, stellvertretender Vorsitzender Kunstverein Husum und Umgebung e.V., 03/2008