
Es gibt für Goller kein Entweder-Oder. Nein, bei ihm hat auch ein
Dazwischen seine Existenzberechtigung. So wie in seinen Bildern selbst
eine Beziehung zwischen Wort und Bild besteht, zeigt sich Goller
entsprechend offen für das Schreiben über Kunst und verweigert sich
dabei etwaigen dogmatischen Positionen. Nach dem Zusammen-hang zwischen
Text und Bild gefragt, lässt er uns dennoch wissen (Zitat): "Es gibt
ein Sein im Bild, und vor allem in der Malerei, welches sich
ausschließlich und nur durch das Bild offenbart."(...)
Die neueren Bilder zeichnen sich hingegen durch eine Farbwelt aus, die
alles andere als düster ist. Goller wählt seine Farben mit sicherem
Instinkt und setzt sie temperamentvoll aber gezielt ein. So entsteht
eine insgesamt harmonische, meist heitere farbliche Stimmung, die den
ansonsten eher unruhigen Komponenten der Werke zu Stimmigkeit verhilft.
Zudem wird Ihnen vielleicht auffallen, dass der Künstler einen
expressiven Malstil hegt. Zwar lassen sich seine Arbeiten nur schwer
zuordnen; sie sträuben sich gewissermaßen davor, durch allzu strenges
Katalogisieren eingeengt zu werden. Dennoch wollen sie unseren Blick
fesseln. In dieser Intention verbindet Goller oftmals verschiedene
Stilmittel in einem Bild – seinen mal rigoros, mal verspielt wirkenden
Farbauftrag komplettiert er mit runenartigen Schriftzügen, die er in
noch feuchte Farbe einritzt, damit sie das Bildliche beschreibend
ergänzen mögen. Auch gezeichnete Figuren oder wie Fremdkörper wirkende
graphische Elemente fügt er hinzu – wie dezente Hinweise auf ein dem
Werke innewohnendes Geheimnis.
Vorherrschend bleibt jedoch eine vehemente, unmittelbare Formsprache,
so dass man geneigt ist, seine Bilder als gestische Malerei zu
bezeichnen. Dynamische Pinselschwünge und ein zumeist ungebrochener
Farbauftrag sind Ausdruck von Spontaneität und ungezügelter
Schaffenskraft.
Worum könnte es dem Künstler gehen? Was wollen uns diese Bilder
sagen? Ihnen eine hinreichende Antwort auf diese Frage zu geben, wird
mir nicht gelingen. Mein Eindruck ist jedoch, dass der Künstler uns
durchaus etwas mitteilen will… Was Ihnen nun gar selbstverständlich
erscheinen mag, ist vielleicht doch einen zweiten oder dritten Gedanken
wert.(...)
Von Anbeginn der Menschheit wird deren Entwicklung in Form von
„Geschichten“ erzählt. Schon früh hat die Dichtung die Funktion gehabt,
anhand von Erzählungen über übernatürliche Wesen, die Welt erklärbar
und überschaubar zu machen. In den meisten Kulturen findet man Mythen
über die Weltentstehungsgeschichte, die eigene Entstehungsgeschichte
oder wiederkehrende Abläufe. Alle Mythen setzen Beziehungen zwischen
den Menschen und natürlichen Dingen und Abläufen voraus, und stellen
darauf basierend eine Beziehung des Alltäglichen zum Übernatürlichen
her. Es gibt keine klare Abgrenzung vom Menschen und dem
Außermenschlichen. Mischwesen werden beschrieben; auch eine klare
Abgrenzung zwischen Tier und Mensch besteht nicht. So entsteht eine
„Beseeltheit“ der Dinge, die sich bis in unsere heutige Zeit
fortschreibt. So verwundert es nicht, dass Künstler auf der ganzen Welt
auch heute noch mythische Themen in ihren Werken verarbeiten und
reflektieren.
Kunst hat uns schon immer geholfen, die Welt zu verstehen. Sie dient
als Spiegelbild unserer Lebenswelt und hilft, neue Sichtweisen zu
entwickeln. Was mir dabei enorm wichtig erscheint, ist das Kunst uns
erlaubt, die Dinge zu hinterfragen. Es ist erlaubt, in der Frage zu
verharren!
Barbara Lang, Kulturmanagerin Hamburg, 03/2008
Michael Goller wurde 1974 im heutigen Chemnitz geboren, er lebt auch
heute wieder dort. Er absolvierte von 1995 bis 2000 ein Medienstudium.
Seine Arbeiten wurden außer in seiner Heimatstadt unter anderem in
Dresden, Saarbrücken und Hamburg ausgestellt.
Gestatten Sie mir ein paar Worte zur Ausstellung. Was erwartet
Sie? Was bekommen Sie zu sehen? Zunächst einmal, und das war sicherlich
Ihr erster Eindruck, Bilder mit einer überaus variationsreichen Farb-
und Formensprache. Mit Recht ist Goller „ein spontaner Kolorist mit
beneidenswertem Farbempfinden“ genannt worden. Dann werden Sie
feststellen, dass viele Bilder sich zu thematisch zusammenhängende
Bilderzyklen gruppieren. Sie nähern sich aus verschiedenen Blickwinkeln
und mit unterschiedlichen Herangehensweisen demselben Gegenstand. Und
bei genauerem Hinsehen erweist sich, dass Michael Gollers Bilder
Geschichten erzählen. Ich möchte hier exemplarisch auf einen
Erzählstoff eingehen. Die Ausstellung trägt den Titel „Prometheus und
der Adler“ und verweist damit auf griechische Mythologie. Michael
Goller hat zum Prometheus-Mythos eine Reihe von Bildern gemalt, die
sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Verhältnis zwischen
Schöpfer und Geschöpf auseinandersetzen. Um die Bilder besser zu
verstehen, sollten wir uns den Prometheus-Mythos ins Gedächtnis rufen.
Prometheus ist ein Titan, nimmt also eine Zwischenposition
zwischen Göttern und Menschen ein. Sein Name bedeutet: der
Vorausdenkende, der vorher Denkende. Prometheus überlistete den
Göttervater Zeus und brachte den Menschen gegen den Willen des
Göttervaters das Feuer. Zur Strafe ließ dieser ihn an einen Felsen
ketten. Jeden Tag kam ein Adler, um von seiner Leber zu fressen. Viele
Jahrhunderte lang flehte der unsterbliche Prometheus vergeblich um
Gnade, bis schließlich der Held Herakles ihn erlöste, indem er den
Adler erschoss und Prometheus von seinen Fesseln befreite.
Michael Goller erprobt in seinen Bildern neue Varianten des
Mythos. Zunächst wählt er ein traditionelles Bildthema, wenn der Die
Befreiung des Prometheus darstellt. Sehen Sie selbst, wie Goller mit
diesem in der Kunstgeschichte vielfach bearbeiteten Thema umgeht. Das
Bild Prometheus erschafft den Adler und haucht ihm Leben ein greift auf jenen
Teil des Prometheus-Mythos zurück, in dem der Titan als Schöpfer von
Tieren und Menschen beschrieben wird. Der Adler ist hier Geschöpf des
Prometheus und nicht mehr Inbegriff der göttlichen Gewalt und
Bestrafung.
Die Bilder Prometheus verzehrt den Adler und Prometheus verzehrt die Leber des Adlers
kehren die im Mythos überlieferten Rollen radikal um. Der Schöpfer und
Lebensspender Prometheus wird zum Vernichter von Leben; der gepeinigte
Prometheus wird zum Peiniger.
Eine Rollenumkehrung vollzieht auch das Bild Prometheus füttert den Adler mit
der Leber des Herakles. Prometheus lässt seinen Retter an seiner Stelle
leiden. Diese Umerzählung des Mythos verweist auf Atlas, einen Bruder
des Prometheus, der vergeblich versuchte, Herakles an seiner Stelle die
Last des Weltalls aufzubürden.
Nicht erst seit Goethes berühmtem Gedicht wird die Gestalt des
gottähnlichen Schöpfers Prometheus mit dem Selbstverständnis des
Künstlers in Verbindung gebracht. Wenn wir vor diesem Hintergrund
Gollers Prometheus-Bilder deuten, dann können wir sagen: Diese Bilder
reflektieren über sich selbst, über den Prozess ihrer Entstehung und
über ihr Verhältnis zum Künstler, dessen Kreation sie sind.
Dieter Pelties, stellvertretender Vorsitzender Kunstverein Husum und Umgebung e.V., 03/2008