Fast alle Bilder Gollers haben zeichnerische Elemente. So finden sich
auf seinen Bildern oft ähnliche Gegenstände – bei den hier in Görlitz
gezeigten sind es oft Schachfiguren. Sein typisches „Bild im Bild“
bildet den Kontrast zu Farbe und Fläche.
Die Übermalung ist ein Grundprinzip dieser Ausstellung und vielleicht
Gollers künstlerischen Ansatzes überhaupt. Die untere Schicht, meist
Inhaltsträger, bleibt nur noch fragmentarisch erhalten oder wird in
Ausschnitten wieder „ausgegraben“.
Hat Michael Goller in den hier gezeigten sieben Stillleben aus den
Jahren 2003 und 2004 noch alte Landkarten übermalt, so ist er
inzwischen dazu übergegangen, die zu übermalende Bildebene selbst zu
erstellen. Basis für die drei 2006 entstandenen Arbeiten mit dem Titel
„Asperger-Syndrom“ sind drei Werke aus einer fünf Jahre zuvor
entstandenen Serie „42 Köpfe“. Diese passen thematisch perfekt zu den
„Internal Server Error“-Bildern. Es sind sehr persönliche und
malerische Arbeiten. Ausgangspunkt war eine tiefere Beschäftigung mit
autistischen Störungen.
Die beiden Papierarbeiten „Schachspieler“ entstanden bereits 2001 in
einer Folge von Papierarbeiten, die nach „Mensch und Werkzeug“ sucht.
So gibt es noch Tennisspieler, Mikrofonredner, Gitarrespieler usw. .
Beim hier gezeigten Schachspieler findet die prägende, äußerlich
sichtbare Aktion in dem kurzen Moment des Interagierens mit der
Schachfigur statt, wenige Sekunden des Aufnehmens und Absetzens der
Figur. Die Idee des Spiels, die Absicht des Zuges, ist hingegen von
außen nicht sichtbar, es ist nur eine fragmentarische Ebene. Die
Malerei versucht nun dabei die Schnittstelle auszuloten zwischen innen
und außen.
Die drei Bildnisse „Erinnerungen an Licht“ entstanden 2006. Hier hat
Michael Goller seine Künstlerkollegen Klaus Sobolewski und Peter Piek
sowie sich selbst porträtiert. Die konkrete Person ist hier die untere
Ebene, die hinter den Schachfiguren, hinter dem dialogischen
Bewusstsein liegt. Es ist eine Wahrnehmung wie während eines Spiels.
Zudem eine Suche nach Weiß, ein Vorgriff auf eine Entwicklung, die bis
heute anhält.
Die kleinformatigen Stillleben mit Schachfiguren entstanden erst vor
kurzem, in Fortführung des gleichen Gedankens. Eine konkrete
Bildsituation (Hier wurden Vorlagen aus einem Werbeprospekt für
Internet-Server verwendet!) und das konkrete Schachstillleben darüber
sind sehr deutlich und plakativ. Die Frage nach dem Wert und der Art
der Kommunikation stellt sich. Das hat Michael Goller immer schon
beschäftigt, die Fragen wurden quälend bei der intensiven Begegnung mit
Programmierungsstrukturen und forderten eine malerische Suche nach
einer Antwort. Daran arbeitet er bis heute.
Das Schachspiel entwickelt sich aus einer dialogischen kommunikativen
Situation. In gewisser Weise eine Sprache, ein Gespräch, statt aus
Wörtern aus Zügen bestehend. Aus dem guten Spiel (wie auch aus dem
guten Gespräch) entsteht ein eigenes Gesprächsbewusstsein, ein
interdialogisches Subjekt. Es ist dann so, als würde zwischen den
Gesprächsteilnehmern (oder Spielern) eine dritte Person auftauchen, die
durch ihre Präsenz den Dialog steigert: Das dialogische Bewusstsein. So
einen Versuch macht nun auch die Malerei, nach dem Bewusstsein
dazwischen zu suchen. Mittel sind Ebenen, Fragmente, Einbrüche und die
Hoffnung, dass im Malerischen sich alles findet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, Michael Gollers Arbeiten fordern den
Dialog zwischen Bild und Betrachter. Sollen Sinn und Anliegen der Werke
nicht verborgen bleiben, muss man sich ihnen nähern wie einem
auszugrabenden Schatz. Die Realität in seinen Bildern ist nur Fragment,
das sich mit anderen Dimensionen ergänzt zu einem Bildkosmos. Seine
Bilder sind wie Eisberge. Sie umfassen das Ganze und zeigen dennoch nur
einen kleinen Teil. Der Rest muss gefühlt werden, ist nicht in Worte zu
fassen. Rechteckige Durchbrüche sind „Kommunikationspunkte“. Wie
schwarze Löcher ziehen sie unsere Aufmerksamkeit auf sich. Eigentlich
müsste der Betrachter viel mehr Zeit haben. Mindestens soviel wie das
Malen des Bildes in Anspruch nahm, also oft Monate.
Anett Sänger, Vizepräsidentin Schachverein Görlitz, 03/2008
© Foto: Tom Sänger
Als mich die Einladung zu der Ausstellung „Michael Goller –
Schachbilder“ erreichte, habe ich mir gedacht: ‚ Schade – schaffst du
nicht’.
Aber als dann noch mein Freund vom Schachverein, Günter Pätzold,
angerufen hat, habe ich mich nur vergewissert: „Ist das eine
Vorladung?“ – und als er das bejahte, wusste ich: Jetzt ist Intelligenz
gefragt! Wer ist G o l l e r ?! Was hat er den Leuten angetan?
Wieso wird es richtig, wenn ich zu der Ausstellung gehe? Was hat sie
mit Schach zu tun?
Diese Frage klärte sich als erste: Hier ein Satz aus Wikipedia, der
Freien Enzyklopädie, ich zitiere:
„Gollers Bilder bestehen aus ver s c h a c h telten Ebenen…“ (Ende
Zitat). Also ist E R und seine Werke an der richtigen Stelle.
Ermutigt habe ich mich gefragt: Was könnte ich mit ihm Gemeinsames
haben?
Die erste Parallele war, er ist in Karl-Marx-Stadt geboren und lebt in
Chemnitz.
Ich bin in Brzesc in Polen geboren und das heißt jetzt Brest und ist in
Weißrussland.
Er hat mehr Glück gehabt – das Land ist dasselbe. Nur die Umstände sind
anders.
Des weiteren: Er hat in Mittweida unterrichtet. Ich war in Mittweida,
habe dort ein paar Jahre meines Lebens verbracht – nicht freiwillig.
Was war schon freiwillig in den Jahren 1942 bis 1945, außer vielleicht
der Feuerwehr! Daraus resultiert aber, dass ich doppelt so alt bin wie
Michael Goller.
Genug Gründe, um sich mit Ihm zu messen – im Sinne der Verständigung!
Das heißt, ich möchte den Künstler Michael Goller aus Chemnitz kennen
lernen, durch seine Bilder und Zeichnungen. Und das erwies sich
zumindest theoretisch als nicht so einfach, nachdem ich den Satz von
Alexander Stoll als Einführung in mein Wissen über „Gollersche
Eigenheit“ gelesen habe; ich zitiere: „Was flüchtig betrachtet
vielleicht wie ein mehr oder weniger zufällig zusammengepinseltes
Farbgebilde daherkommt, erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als
durchdachte Komposition.“ (Ende des Zitats).
Nun bin ich gekommen, um genauer hinzusehen! Übrigens – weitere
Kritiken waren noch weniger ermutigend und verständlich. Vielleicht aus
mangelndem Wortschatz bei mir. Vielleicht auch nicht.
Und da habe ich mir vorgenommen: Frag doch mal den Herrn Michael
Goller, ob Er alles versteht und glaubt, was die Politiker sagen. Und
dabei ist es doch immer gut gemeint, was sie sagen!
Sowohl die Politiker wie auch die Kritiker!
Jozef Sontowski, Bürgermeisters von Zawidow (Seidenberg)/Polen
, Förderverein Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec e.V., 11.3.2008
Der Schachspieler
2001, Mischtechnik auf Papier, 67 x 47 cm