Bilder

Kunstverein Heidenheim 20.1. - 26.2.2006

Kunstverein Heidenheim - 1.Etage mit "im Dezember gemaltes Bild" und "Nutella im Gesicht" Kunstverein Heidenheim - Erdgeschoss mit "Tötet Klara!" Kunstverein Heidenheim - 2.Etage mit Modigliani-Kopf und Stillleben

Mit „verkehrte Welt“ könnte man unser aktuelles Ausstellungsprogramm betiteln, denn die realistische Bilderwelt Volker Blumkowski wäre durchaus in Ostdeutschland, etwa in der Leipziger Schule, zu vermuten, während die Arbeiten von Michael Goller durchaus ins Konzept einer westdeutschen Gruppierung passen würde. Schon dieser spannende Topos war ein entscheidender Ausstellungsbeschuss. Uns interessiert die derzeitige Bandbreite der malerischen Ausdrucksformen, ihre Vorzüge und Nachteile, ihre Stärken und Schwächen. Unsere Ambitionen zielen auf eine lebendige Auseinandersetzung mit der aktuellen Kunstszene – schließlich sind wir ein Kunstverein und kein erhabener Musentempel, der sich den schon den gesicherten Werken der Epoche verpflichtet fühlt.
Nach diesem verspäteten Wort zum Jahresanfang, möchte ich Ihnen den Chemnitzer Künstler Michael Goller vorstellen. Einige von Ihnen haben Ihn sicher schon persönlich kennen gelernt. Da er erst 1974 geboren wurde, ist seine Biographie naturgemäß schnell abgehandelt. Im damaligen Karl-Marx-Stadt – heute wieder das schöne sächsische Chemnitz – wuchs er auf. Schon mit zwölf Jahren machte er seine ersten Federzeichnungen, kritzelte Landkarten, Menschen und Schriften. Neben der üblichen Schulausbildung galt schon des Vierzehnjährigen Interesse der Malerei und speziellen Experimenten zu Farbtheorien. Er formuliert schon einen eigenen Farbraum. – Leider ist uns dieses Material nicht zugänglich. – 1992 entstehen seine ersten Ölbilder und der Erstentwurf einer eigenen Schrift, ein erstaunlicher Fakt, auf den ich später noch zu sprechen komme. Von 1995 – 2000 absolviert er ein Medienstudium, dass er mit Diplom abschließt und das ihm einen Lehrauftrag für Mediendesign an der Hochschule im Jahr 2000 einbringt. Im gleichen Jahr wird sein Sohn Julius geboren. Heute lebt und arbeitet er freischaffend in Chemnitz und Leipzig.
Sein schöpferische Vita ist spannender, denn sie enthält Hinweise auf seine malerische Entwicklung, die er weitgehend als Autodidakt bewältigte. So beginnt er 1997 mit dem beidhändigen Schreiben und Zeichnen und entdeckt das kompositorische Mittel der verschiedenen Bildebenen für sich und mit 2001 datieren die ersten Bilder mit fragmentarischen Einschlüssen, die auch heute noch seine Kompositionen prägen. Das er nicht nur ein Macher ist, wie man aus seiner Mitautorenschaft verschiedener Künstlergruppen vermuten könnte, (02-05 Produzentengalerie Chemnitz, Künstlergruppe Querschlag, Künstlerinitiative Malfront) belegen seine persönlichen Befindlichkeiten, die naturgemäß für die Entwicklung des künstlerischen Konzeptes von Wichtigkeit sind. So vermerkt er seinen „Zitat“: Aufspaltung in drei Teilpersönlichkeiten für die Jahr 2001 bis 2005 und eine zeitweise Erblindung, 2004, die zu den so genannten Dunkelbildern führte.
Angesichts der hier ausgestellten Werke fragt man sich, in wieweit diese Statements wörtlich gemeint sind oder des Malers seelische Verfassung spiegeln, ob denn die zeitweise Erblindung als seelischer Zustand zu werten ist, denn eine derartige Blindheit bezüglich der kreativen Kräfte wäre ebenso nachvollziehbar wie die Aufspaltung in drei Teilpersönlichkeiten, die ja auch nicht gegenständlich war, sonst stände er uns ja heute nicht als Gesamtpersönlichkeit gegenüber. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wollen wir jetzt in die Gollersche Bildwelt einsteigen. Spontan kann man Gollers Bilder als gestische Malerei katalogisieren, denn die dynamischen Pinselschwünge weisen in diese Richtung und der meist ungebrochene Farbauftrag verstärkt diese Wirkung. Aus diesen weitgehend offenen Farbflächen gewinnt das nervöse Bildgefüge kompositorischen Halt und den jeweilig stimmigen Farbklang.
Vor dieser, den Bildraum nach hinten abschließenden Ebene, entwickeln sich dann die thematischen Chiffren und skripturale schwer lesbare Einträge. Diese meist grafisch bestimmten Bildelemente erscheinen gelegentlich als Fremdkörper, so zusagen als Bild im Bild mit grafischen Notaten, deren Deutung im Zusammenhang mit dem Thema nicht immer zu entschlüsseln ist. Gelegentlich wirken sie wie Skizzen des ursprünglichen Bildgedanken oder Transplantate, die das eigentliche Bild in einem anderen Stil interpretieren. Die runenförmigen, schwer zu entziffernden Buchstaben ergeben meist der Bildtitel. Goller schreibt sie mit dem Pinselstil in die noch nasse Ölfarbe und färbt die Vertiefung nach dem Trockenprozess noch ein. Der so spontan wirkende Malakt zieht sich häufig über einen langen Zeitraum hinweg, denn vor der endgültigen Fertigstellung steht eine Phase des kontemplativen Dialoges zwischen Werk und Künstler, der häufig noch zu kompositorischen Änderungen und Hinzufügungen führen kann. Goller, das sehen wir auch in dieser Ausstellung, malt keine Serien im landläufigen Sinne, obwohl er – bedingt durch seinen eigenen Gestaltungsrhythmus – meist mehrere Leinwände gleichzeitig in Arbeit hat. Ein typisches Beispiel dafür: ist das grüne Strichmännchen auf dem Bild „Tötet Klara“, das unten in der Bar hängt.
Über das „warum“ und „wieso“ kann er keine intellektuelle Begründung geben. Seine Antwort auf diese Frage ist lapidar: Da fehlte etwas, erst dadurch ist das Bild endgültig fertig.
Michael Goller ist ein spontaner Kolorist mit einem beneidenswerten Farbempfinden, das sich in der Vielfalt der malerischen Akzente zeigt. Subtile Farbpartien gemischt aus kühnen Kombinationen des spektralen Farbkreises verleihen den Werken einen eindeutige Grundstimmung, auf der sich dann das feine Gefädle der Zeichnung entwickelt. (schauen Sie sich die Aquarellblätter im Dachgeschoß genau an). Oder – wie hier auf den Ölbildern die kraftstrotzende Zeichenhaftigkeit das Bildgeviert fast bis zum Bersten füllt.
Inhaltlich sind die Arbeiten durch die sinnhaltigen Titel für das geübte Auge leicht erkennbar, auch wenn es etwas Geduld erfordert, das divergierende Formenpotenzial zu sichten. Da ist Goller völlig offen. Seine Metaphern stammen aus unserer Dingwelt oder menschliche und tierische Körperformen. Auffällig dabei die unterschiedlichen Sichtweisen, die von der perspektivischen Abbildung bis zum silhouettenhaften Kürzel reicht und erstaunlicherweise trotzdem ein harmonisches Ganzes ergibt. – Trifft Goller damit unsere triviale Sichtweise, die sich ja auch aus lauter konträren Wahrnehmungen zusammensetzt?
Eine besondere Vorliebe des Künstlers ist das Zitat. Er bewältigt dies ohne peinlichen plagiaten Touch. So zeugt seine schwebende Chagall-Figur oder das Modigliani-Portrait von der ernsthaften Auseinandersetzung mit diesen Malerikonen. Dagegen wirken die schmalen Stillleben im Mittelgeschoß fast einwendig brav, obwohl auch da die malerische Farbpräsenz besticht.
Offen bleibt allerdings die Frage, welchen Stellenwert dem lesbaren Inhalt der skriptualen Einträge zuzumessen ist. Dienen sie nur als ornamentales Beiwerk, suggerieren sie Spontanität oder spielt der Künstler damit auf die enge Verknüpfung von Sprache und Bild an? Wozu sonst schreibt Goller das Wort „Baum“ auf der Leinwand, obwohl selbiger klar zu erkennen ist. Auch das „Boot“ ist mit etwas Phantasie ablesbar und doch benannt, während die augenfällige Hand ohne schriftliches Attribut bleibt? Freilich, es bleibt dem Künstler überlassen, welche schriftlichen Notate er in seine Kompositionen einbringt. Aber es ist trotzdem erlaubt, Fragen zu stellen. Misstraut er der Vorstellungskraft seiner Bildbetrachter oder misstraut er seiner eigenen bildnerischen Imaginationskraft? Diese Frage ist nahe liegend und legitim bei einer Kunstbetrachtung.
Anschließend will ich Ihnen – liebe Kunstfreunde – meine Meinung nicht vorenthalten. Sie lautet: Gerade die Verknüpfung von Sprache und Gegenstand zum dialogischen Sprachbild verleiht den Werken von Michael Goller jene Stärke und Originalität, die es lohnend macht, sich mit ihnen intensiv zu beschäftigen.
Franklin Pühn, Bildhauer, Januar 2006