Das
Goldene Zeitalter
Laudatio zur Ausstellung von Bernd Weise
... Die Farbe wird von ihm rigoros und impulsiv auf die Leinwände aufgetragen. So entsteht innerhalb einer leuchtkräftigen, stimmigen Farbmaterie ein spannungsvoll lebendiges Oberflächenrelief, das Licht und Schatten offenbart und vielleicht erinnert an das „Goldene Zeitalter der Malerei“ auf das sich der Titel dieser Ausstellung bezieht.
„Das Goldene Zeitalter“ – so lautet auch der Titel eines Bildes in dieser Ausstellung, das sich gedanklich mit dem Text „Werke und Tage“ des antiken Autoren Hesiod beschäftigt. Das „Goldene Zeitalter“ meint vielleicht auch das goldene Zeitalter des Menschen. Die Jugend? Oder: Die Mitte des Lebens? Der Begriff scheint so etwas wie ein Schlüsselwort für die Schaffensepoche der zurückliegenden zwei Jahre für den Künstler zu sein.
Michael Gollers symbolträchtigen pastosen Malereien erscheinen mir von besonderer Hintergründigkeit. Sein Temperament lebt auf in der Farbe. Trug er sie früher noch vehementer auf um die Inhalte, die ihm immer wichtig waren, maximal vermitteln zu können, scheint der noch junge Maler nun in seinem 30. Lebensjahr erkannt zu haben, dass Malerei NICHTS verändern kann.
Vor kurzer Zeit noch hinterließ er auf der Leinwand mehr Spuren und Gesten, Andeutungen von Figürlichem, scheinbar flüchtige Notizen und auch eingearbeitete Fundstücke, Computerteile und Stanzformen. Den stellenweise anregenden Weg zum multimedialen Gesamtkunstwerk hat er überwunden. Resignation? Ich denke, dass diese letztendliche Festlegung darauf, sich nur auf Malerei zu konzentrieren, richtig ist
Wahrscheinlich kann Kunst auch NICHTS bewirken. Und trotzdem
ist die Malerei für Michael Goller nicht bloßes
Medium. Trotzdem ist für ihn Malerei auch noch Transportmittel
für verschiedene Inhalte, für philosophische
Andeutungen, für seine Fragen. Doch sie steht vor allem
für sich allein, sie ist, das hat Michael Goller für
sich erkannt, eine eigenständige Seinsform. Es ist notwendig,
die komplette Gültigkeit dieser verantwortungsvollen und
umfassenden Seinsform anzuerkennen. Um die der Malerei
gemäße größte Wirkung erleben zu
können muss man akzeptieren: Malerei ist eben vor allem
Malerei. Die immer wieder neu entsteht und sich immer wieder aus sich
selbst heraus erneuert, weil es immer wieder Menschen geben wird die
sich auf die utopische Suche nach dem absoluten Bild begeben das weder
Abbild noch Produkt sein kann, sondern das virtuell bleiben muss.
Doch Malerei ist noch mehr: sie verkörpert Konzentration von Energie und drückt Sinnreichtum aus.
Zwar hat er sich zuvor mit Landschaft auseinandergesetzt, doch jetzt sieht er sich vor neue Herausforderungen gestellt. Früher war Landschaft Einsamkeit. Keine Figurenkompositionen fanden sich in den Bildern. Die Landschaften des Erzgebirges, Boote, Stille. Jetzt werden Bilder zum Hauptthema seines Schaffens, denen die Einrichtungsgegenstände seines Ateliers und andere Interieurs als Bildinhalt dienen. Doch er arbeitet mit denselben stilistischen Mitteln wie bisher. Mit großzügig summierenden, das Detail überspielenden Formen. Mit dichten Strichlagen und einer intensiveren Farbigkeit. Der gemalte Raum erfordert jedoch andere ästhetische Lösungen als die bisher bevorzugten Themen. Seine Farben orientieren sich am Tageslicht, den kühlen grünen und himmelblauen Tönen des beginnenden Morgens.
Orte an denen er sich befindet beeinflussen ihn bei seiner Arbeit. Waren es früher die Spaziergänge in der Natur, so ist es heute umso mehr die Zurückgezogenheit, die sich aus seinen Bildern ablesen lässt. Raum und Zeit sind wichtig. Die 13 – Uhr – Bilder entstehen. Bilder, die unter großer Anspannung entstehen, die sehr konzentriert und dicht sind und dabei ausgesprochen leicht und ausgewogen erscheinen. Innenansichten der Räume sind auch Innenansichten des Menschen Goller. Kein Tag ohne Suche, kein Bild ohne Zweifel.
Die Komposition von Michael Gollers Bildern ist ausbalanciert, in sich geschlossen, der Pinselstrich erscheint bei den meisten Arbeiten nicht mehr so nervös wie vor einigen Jahren sondern eher breit und ruhig. So, als wüsste er, dass er auf dem richtigen Weg ist.
Malerei ist Wissenschaft. Ist Frage und Antwort. Sie trägt im wesentlichen zur Darstellung unserer Wahrnehmung bei. Naturwissenschaftliche Errungenschaften haben die Welt in den letzen 10 Dekaden erheblich verändert. Auch die Kunst hat verändert, eingerissen aufgebaut. Wenn für Sie diese Ausstellung wichtig ist, dann, das wäre für Michael Goller sicher die größte Freude vielleicht deshalb, weil sie vielleicht dabei geholfen hat ihre, unsere gegenwärtige Art der Wahrnehmung zu verändern.
Bernd Weise, Weise Galerie und Kunsthandel 1/2004
Pressestimmen:
Error-Zeitalter mit neuen
Bildern
Michael Goller eröffnet Ausstellungsjahr in
der Art-In
Meerane: Das „Goldene Zeitalter“ liefert neue
Bilder, Bilder von heute. Sehr von heute, der Maler Michael Goller
steckt mitten drin. Informatiker, Medientechniker, Künstler,
drin in den Servern. Aber da ist error angezeigt. Das
„Goldene Zeitalter“ ist ein Irrtum. Oder kommen nur
die „internal server“ mit den
Überlieferungen besserer Zeiten nicht mehr zurecht? In der
neuen Ausstellung der Galerie Art In Meerane zeigt der Chemnitzer
Goller das eine wie das andere, aber man darf hier nicht ins
Grübeln kommen über die Beschriftungen in und an
seinen Bildern. Zwar verführen die verdichteten
Schriftzüge zu machncherlei Mutmaßungen, zu
befürchten ist jedoch, dass sie auch wegführen
können von dem Malerischen der Bilder. Denn darum geht es ja,
der Mann kann malen. Vielleicht sucht der
Dreißigjährige noch nach Festigkeit seiner
Ausdrucksmöglichkeiten, manche Wegstrecke ist zu ahnen aus den
paar Vergleichsmöglichkeiten zwischen älteren und
neuesten Arbeiten in dieser Ausstellung. Auf jeden Fall beherrscht er
sich im Umgang mit der Farbe – immer ein gutes Zeichen. Bei
seiner Malweise, die heftiges, ja spontanes Temperament erkennen
lässt, ist die Konzentration auf farbliche Grundstimmungen in
den Bildern fast bestaunenswert. Helle, leuchtende Tonlagen tragen die
Zeichen, die er drüberlegt, manche in Schwarz, unter anderem
auch die Schriftzüge. Aber das besondere stilistische Merkmal
seiner Arbeit ist das Bild im Bilde, er baut Mikro-Sichten in das Makro
ein. Der Ausschnitt des Fensterblicks ins Weite inmitten des Interieurs
mit all den Utensilien einer lebenssprühenden Bude, das Gastmahl,
der Tisch
mit drei, mit zwölf, das Zimmer
mit Hirsch. Das sind alles so Geschichten, durch die wiederum
Bildepisoden wehen. Das alles ist ernst, das macht alles
Spaß. Das Goldene Zeitalter, so sehr es verflossen ist oder
auch ewige Verheißung bleibt, wie man´s nimmt, es
ist Kunst, ist virtuell und damit Tatsache. Wenn der Server error
meldet, haben wir eine falsche Vorstellung von den Dingen eingegeben.
Selber Schuld. Das Gemalte bleibt, error kann gelöscht werden.
Aber zu befürchten ist, auch in diesen Bildern Gollers, dass
error eher wieder auftaucht als das Zeitalter, das Goldene.
Reinhold Lindner, Freie Presse 15.01.2004
Fotos (1,2): Wolfgang Zscherpel
Foto (3): Wiegand Sturm
Landschaft
2002, Öl auf Leinwand, 140 x 200 cm