Malfront 4 - untrockne Bilder

Regierungspräsidium Chemnitz 6.4.-7.5.2004

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© Foto: Privat

Malfront: „ Gründe eine Ausstellung so zu nennen“

"Nein heute ist nicht Freitag.
Ich habe einen Teil meines Wochenendeinkaufes vorgezogen.
Sie kennen das sicherlich, immer freitags abends zieht Frau und Mann los.
Meine Frau und ich, wir sind noch nicht so lange zusammen, haben bei einem solchen Freitagseinkauf festgestellt, das es mit uns beiden gut klappt. Das mit dem Einkaufen.
Zwischen den Regalen des Discounts sehe ich dann all die Leute wieder, den ich auch sonst gelegentlich in der Stadt begegne. Eine bekannte Gewerkschaftlerin, den Bankangestellten meiner Bank, ehemaligen Schulfreunde samt Kinder, Enkel und Urenkel..... .
An den Wühltischen mit den Sonderangeboten verweilen wir meistens länger und da finden dann auch die längeren Gespräche statt.
Wenn wir dann zu Hause auspacken, staunen wir dann doch was wir für die „schlappen“ vierzig Euro alles zusammenbekommen haben.
Vor Jahren kam in einer Wirtschaftsendung immer der „ deutsche Warenkorb“ und da wurde immer gezeigt was Frau/Mann für 100 (damals noch) Mark im Warenkorb hat.
Ich weiß nicht ob es z.Z. eine solche Aufrechnung noch gibt. Der Trend geht wohl in die Richtung: .... „es lebe billig „!!!
Mir ist es schon passiert.. das ich angesichts des Wocheneinkaufes das „es“ mit „ich“ ersetzt habe und damit ging es mir nicht gut.
Aber noch einmal kurz zurück an die Kasse des Discount - Marktes.
Ich bin in dieser Stadt geboren und aufgewachsen und es gehörte früher zu einer der Übungen meines „Über - Ichs „ mich gelegentlich anzufragen “wo stehst Du ?“
bzw. ich zitiere ein Lied aus vergangenen Zeiten: „ sag mir wo Du stehst....“
An der Kasse jedenfalls, umringt von mir mehr oder weniger bekannten Leuten, frage ich mich dann schon mal...stehe ich eigentlich richtig hier und will ich das so... und.. habe ich eine Wahl.?
Der Mark und sein Treiben beherrscht also wenigstens einmal in der Woche mein ganzen Sinne, aber auch sonst verfolgt er mich bis in meinen Postkasten, er schaltet sich in die Sender ein, die sehe und höre, und zwingt mir irgendwelche „Ohrwürmer“ auf, die ich eine Woche lang nicht loswerden.
Ich denke dann schon öfters mal über „Grenzziehung“ „Abschottung“ nach und wie man denn da „frontal“ dagegen ankämpfen kann!
Der Kleber am Postkasten, der Wahl eines Kultursenders oder eines Bildungskanals bringen nur vorübergehende Linderung.

Vor einigen Jahren begann ich Ausstellungen in einen kleinen aber sehr familiären Rahmen zu organisieren und durchzuführen.
Vordergründiges Anliegen war es jungen Künstlern eine Ausstellungsmöglichkeit zu bieten und verschiedene Menschen, unterschiedlichster Herkunft zusammenzubringen. Dabei entstanden sozusagen „nebenbei“ viele Bekanntschaften/Freundschaften zu den unterschiedlichsten Menschen. Immer wieder mußte ich zu meinen freudigen Erstaunen feststellen, welche unterschiedlichen Lebensentwürfe und Lebenswelten es doch gibt und wie viele Menschen doch auch einen eigene, phantasievollen und kreativen Weg beschritten haben, um sich von einem immer rationaler werdenden Alltagsschehen nicht verschlingen zu lassen. So gesehen leisten sie „Widerstand“, sie glauben an Kräfte und Werte die in den einschlägigen Katalogen nicht angeboten werden, die nicht in den wöchentlichen „Schnäppchenangeboten“ zu finden sind und die Frau/Mann in den wenigsten Fällen „steuerlich absetzen“ können.

Michael und Peter haben beide, in der kleinen Galerie die ich hatte ausgestellt und dort haben wir uns kennengelernt,
Peter P. ist Jahrgang.81 und Michael ist .1974.. geboren. Bei beiden viel mir auf, das keiner in den “Windschatten“ anderer, bekannterer Chemnitzer Maler getreten war..., sie kannten sie auch zum Teil gar nicht.
Für mich zeigte das, das auch unter dem Eindruck.. „ es ist alles schon gesagt und gemalt..“ dennoch immer wieder neue, künstlerische Ideen entstehen und umgesetzt werden können !
Dazu muß Mann nicht eine Kuh über ein Fabrikgebäude zersprengen, literweise Blut über eine Theaterbühne kippen oder nackt 100 Kohlköpfe zerhacken.

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© Foto: Dirk Hanus

Die beide Künstler führen.. lassen sie mich es so formulieren.. einen konsequenten Kampf gegen die Banalität unser Alltagsgeschäfte, sie drängen mit ihren Aktionen nach und nach in unser Bewußtsein.
Sie rücken vor, gegen „Klassenschlager“ und reines Zweckdenken.
Vielleicht gelingt es auch diesen jungen Künstlern, auch in den eigenen zu mobilisieren.
Das täte Not ,..den das verschwinden von Kunst und Künstler in und zwischen den Regalen der Supermärkte, das Ausbleiben von guter Musik , guten Filmen, Theaterstücken macht letztendlich unser aller Leben öder und perspektivloser.

Ich arbeite als Sozialpädagoge tagtäglich mit jungen Menschen zusammen. Viele von ihnen haben schon mit 15 - 16 aufgegeben , an so etwas wie „Individualisierung“ zu glauben geschweige daran zu arbeiten.
Ihre Ziele drehen sich schlicht und ergreifend um eben diesen „Warenkorb“ die wenigsten kommen auf den Gedanken, ein solch statistisches Maß für ihren kulturellen Bedarf einzufordern.
Meine Damen und Herren, anläßlich dieser Ausstellung möchte ich uns in Erinnerung rufen, das der Mensch eben nicht nur von Brot allein lebt. Wenn die leiblichen Bedürfnisse gestillt sind.. setzt zu meist eine Sehnsucht nach der Berührung mit den feineren Sinnen unseres Lebens ein. Wir sollten nicht tatenlos zusehen wie die Auseinandersetzung mit Malerei, plastischen Arbeiten, Musik. Tanz und Theater für jeden Menschen, dadurch den Verfall preisgegeben wird, weil man gebannt auf die Preise an der Zapfsäule starrt.
Wenn ( wie am Wochenende) ein Politikwechsel gefordert wird, dann sollte auch sollte auch darauf geschaut werden .. bei welchen Werte, werden wir um Verzicht und Sparsamkeit angehalten und was gilt es letztendlich zu gewinnen. So gesehen kann Mann in dieser Auseinandersetzung um Werte heute schon auch von einem Aufeinanderprallen von Fronten sprechen.

Was diesen Warenkorb anbetrifft...denke ich so in die Richtung wie der Musiker David Byrnes doppelsinnig sein neues Album „ groing backwarts“ genannt hat.freiübersetzt heißt das etwa: „ Zurück - wachsen“.
Darin steckt für mich sowohl das „Zurückgehen“, und „Rückbesinnen“ als auch Wachstum.
Wenn es uns gelingt unsere Ansprüche auf ein verträgliches Maß herabzusetzen , gewinnen wir ganz bestimmt ... andere : Lebens - Qualitäten !.
Ich persönlich möchte jetzt und hier beginnen meinen Warenkorb zu ergänzen, mit einem Plakat der Künstlergruppe „Malfront“.
Ich wünsche der Ausstellung und ihren Protagonisten viel Erfolg."

Peter F. Fiebig 4/2004

Begrüßung durch den Regierungsvizepräsidenten Christian Wehner:

"...Malfront – hinter dem Titel steht eine noch junge unabhängige Künstlerinitiative, die von den Malern Michael Goller aus Chemnitz und Peter Piek aus Leipzig am 31.08.2003 gegründet wurde.
4 – die Zahl steht für die nunmehr vierte Malfront-Ausstellung und wir freuen uns besonders, diese hier im Regierungspräsidium Chemnitz präsentieren zu können.
Untrockne Bilder – nun, meine Damen und Herren, urteilen sie selbst…

Bereits mit der Gründungsausstellung „Schöne Grüße von der Malfront“ im Chemnitzer Atelier setzten sie Akzente, weitere Aktionen wie das „Fußbild“, die „Dunkelbilder“ folgten.
Anm.: Die Dokumentation der Gründungsausstellung durch den Fotografen Dirk Hanus ist Teil dieser Ausstellung

Die Zusammenarbeit beschränkt sich nicht nur auf temporäre Ereignisse, die Künstler arbeiten an bestimmten Themen in einem „Malfront-Studium“, welches vierteljährlich nach Quartestern eingeteilt ist. Das erste Quartester des Jahres beschäftigte sich mit Hässlichkeit als Bildprinzip. Hier geht es darum, schematisierte Wahrnehmungen aufzubrechen. Viele der ausgestellten Arbeiten sind Ergebnisse dieser Auseinandersetzung.

Malfront entwickelt sich zum Künstlernetzwerk. So freuen wir uns, hier als Gastkünstler mit präsentieren zu können: Uta Schotten aus Köln und Henning Straßburger aus Offenbach.
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