Am Beispiel einer
Schnittwunde
Ich sitz dann da, esse zwei bis zehn Marzipankartoffeln, die Heizung im
Rücken, mein Hintern wird kalt. Es weihnachtet sehr, sonst seh
ich anders aus. Sie nennen es die Realität des Bildes. Die
Künstler.
Ich höre Schritte. Prozess nennen sie es, Tendenzen,
künstlerisch reelle Auseinandersetzung.
Die Künstler kommen. Ich sitz dann da, leer. Näher.
Ich sitz dann da, leer, nackt, still. Näher, bitte. Ich.
Sitz dann da.
Sie kommunizieren, adaptieren, fotografieren. Wann fängst du
mich. Ich. Du musst traurig sein. Sensibel, schlank, selbstbewusst,
perfekt. Sie inspirieren. Im Zeitalter oberflächlicher
Reizüberflutung.
Ich sitz dann da, Zewa-Softies. Näher. Ich sitz dann da,
Hansa-Plast. Näher, bitte. Ritze, Wilkinson. Siehst du.
Rot stimuliert, motiviert, aktiviert, explodiert. Sie malen jetzt.
Spuren. Mit gezügelter Energie.
Sie wollen die Welt retten. Siehst du mich. Du musst traurig sein. Ich
ritze. Atemstillstand, Notarztwagen, Leichenhalle. Reingefallen. Ist
nicht tödlich, tut nur ordentlich weh und lähmt. Mein
Rücken wird kalt. Ich sitz dann da, beziehungsweise hier. Ich
bin jetzt nah bei dir, beziehungsweise mir. Wir haben uns gefunden. Das
ist kein Kuss, Atemspende. Prometheus sagen sie. Das ist kein Kuss.
Lass die anderen. Du malst mich schön, beziehungsweise
hässlich. Danke. Du malst mir Bewegungsfreiheit. Ich kann
jetzt aufstehen, dankeschön, und dich mehr lieben als alle
anderen. Dankeschön, dass es dich gibt, beziehungsweise mich.
Dass es mich jetzt gibt, beziehungsweise dich. Stop. Näher
geht nicht.
Die Betrachter kommen. Sie
haben Interesse mitgebracht. Willkommen, guten Tag, guten Tag, sie
trinken Sekt. Sie verstehen nicht. Entschuldigung, was ist das,
Entschuldigung, wie ist das gemeint, wie sollen wir das verstehen,
Entschuldigung. Du erzählst, erklärst, gibst
Beispiele, Kunst, sagst du, sie nicken. Mach, dass sie ihre Gehirne da
wegnehmen. Mein Liebling, sagst du und meinst mich. 1500 Euro.
Ich bin jetzt tot. Reingefallen. Aber ich tue tot. Sie werden mich an
ihre Bürowände hängen und nichts verstehen.
Sie werden ihre flüchtigen Blicke auf mich werfen, ich werde
mich hinter deine Farben verstecken, sie werden nichts verstehen und
das Rot nicht sehen, was aus mir tropft, Wilkinson. Mir ist das egal.
Die Betrachter gehen. Sie drängeln und drücken sich
durch den Ausgang. Du sinkst zurück auf dein Bett wie in dein
Grab. Hör auf damit. Sie wollten mich nicht und ich wollte sie
nicht.
Irgendwann wird jemand kommen. Er wird eine Absicht in mir sehen und
ich werde eine Absicht sehen, in ihm. Du lachst. Er wird dann
vielleicht seine Wohnung neu gestalten und sein Leben, er wird dann
vielleicht heiraten und glücklich werden, du lachst. Oder ein
neues Kunstwerk schaffen, durch mich. Du lachst.
Keine Angst, mir ist das egal.
Melanie Arns, zur Ausstellung in Döbeln, Januar 2004

