Malfront Interview
Fragen von Mike Wassermann an Michael Goller und Peter Piek zur Neugründung der unabhängigen Künstlerinitiative Malfront
MW:
MALFRONT – Was ist das?
PP:
Malfront, das ist Malerei.
Und Malerei, das ist Leben.
MG:
..Leben in einer sehr intensiven Form, durch Malerei transformiert.
MW:
Malerei ist der eine wesentliche Punkt. Und wo verläuft die
Front?
PP:
Die Front verläuft einerseits zwischen uns und der Leinwand,
andererseits aber auch zwischen der Leinwand und dem Betrachter.
MG:
Die Front verläuft immer ganz vorn, direkt am Leben. Oft wird
die Front überhaupt nicht wahrgenommen, da es –
sicher auch durch die Erwartung an Medien – zu einer
Zuschüttung der Sensibilität für Malerei
gekommen ist.
Malfront will entschütten, denn die Malerei ist kein
bloßes Medium und kein bloßer Inhalt, sondern steht
vor allem auch für sich allein, eine eigenständige
Seinsform, die, wie wir glauben, an der Front sich befindet..
MW:
Warum Malfront und warum gerade jetzt?
PP:
Die Zeit ist reif für Malfront.
Es braucht einen neuen Gedanken für die Malerei.
Und die Malerei braucht eine erneute Befreiung von Malerei.
Ein Kind dieser Zeit.
MG:
Maler an die Front!
MW:
Wo seht ihr Vorbilder.
PP:
Bilder entstehen durch Bilder:
Ernst-Ludwig Kirchner und die späten Sachen von Lichtenstein
begeistern mich. Aber auch Barnett Newman, Cy Twombly und Jerry Zeniuk.
MG:
Sämtliche bekannte und unbekannte Malerei und Nicht-Malerei.
Besonders abstrakte Expressionisten.
MW:
Was unterscheidet eure Arbeit von anderen Standpunkten zeitgleicher
Malerei?
PP:
Unsere Arbeiten sind Seele.
Der Ausdruck von Befindlichkeit. Und eben Leben.
Viele unserer Zeitgenossen sind meines Erachtens nach ungeheuer
verkrampft.
Das heißt, ich fühle viele zeitgenössische
Werke als nicht unserer Zeit entsprechend, das ist bei Malfront anders.
MG:
Die Eigenständigkeit des Ausdrucks ist ein gemeinsames Ziel.
Natürlich gibt es immer Traditionen, sehr starke sogar, die
sollen keineswegs negiert werden, vielmehr erscheint es uns wichtig,
neue Spielregeln für die Malerei zu erkennen, ja sogar neu zu
erfinden..
MW:
Wie aus eurer Biografie ersichtlich, seid ihr beide auch keine
ausschließlichen Maler. Peter ist als Musiker aktiv und
Michael ist publizistisch tätig. Wie passt das zur brutalen
Konzentration auf die Malerei bei Malfront bzw. wie beeinflusst bei
euch konkret der Umgang mit anderen Medien die Malerei?
PP:
Das passt sehr gut.
Malerei und Musik haben sich bei mir immer ergänzt. Die Musik
hilft der Malerei und umgedreht.
Mit 10 Jahren wusste ich, dass ich entweder Maler oder Musiker werden
wollte. Mit 20 wusste ich, ich werde beides.
Michael war bei mir im Proberaum, und ich spielte Schlagzeug. Er meinte
es hört sich so an, wie ich Farbe rhythmisch auftrage wie
beispielsweise bei den Nummernbildern. Wenn ich Gitarre spiele meinte
er, dann ist das wie als würde ich feine Linien
komponieren.
Beides muss man üben. Beides muss man lieben.
MG:
In der Tat ist Peter eher der Schlagzeuger unter den Malern und der
Maler unter den Gitarristen.
Bei mir hat die Malerei auch immer sehr profitiert von Erkenntnissen
und Strukturen aus anderen Bereichen, die sich fast immer durch Malerei
(transformiert) behandeln lassen. Den naheliegenden und zeitweise
verlockenden Weg zum multimedialen Gesamtkunstwerk habe ich ebenso wie
Peter überwunden. Ich denke, dass diese letztliche Festlegung
auf Malerei richtig und wichtig ist, in einer Zeit, die Malerei
zunehmend weniger als gültig wahrzunehmen glaubt.
Konzentration auf Malerei heißt allerdings keineswegs
Negation oder Amputation anderer Ebenen.. Eine zielgerichtete Alternanz
und Malerei mit 100% Gültigkeit..
MW:
Beide geltet ihr bisher als Quasi-Außenseiter bezogen auf
etablierte Kunstströmungen, als Enfant terrible in
akademischen Hierarchien und als Querschläger im Kunstbetrieb.
Wie geht ihr damit um?
PP:
Es ist in der Tat nicht leicht als Enfant terrible. Eine Zeit habe ich
gebraucht, Um das zu verarbeiten. Sehr bitter. Aber es
bestärkt mich auch. und zeigt mir, dass Malfront wichtig ist
und wichtig wird. Malfront ist die Befreiung.
Inzwischen fasse ich es als Kompliment auf, mit meiner Malerei zwischen
unfreien, starren, unbewegten und ängstlichen Kunsterstickern
unangenehm aufzufallen.
Wohlbemerkt störe ich mit meiner Malerei. Und mit nichts
sonst..
MG:
Die Eigenständigkeit ist ein wichtiges und
verheißendes Gut. Die Kunstströmung strömt,
wo Platz ist zum strömen und der Strom ist letztlich eine
verdichtete Masse. Das sagt doch nichts über die
Zusammensetzung des Wassers aus..

MW:
Hand aufs Herz, findet ihr eure Bilder gut?
MG:
Logisch.
..ich finde sie zunächst mal notwendig, als Aufzeigen und
Lösen von Problemen, die sonst nicht gesehen werden.
..und als Seinsform, die nur dank des Schaffensprozesses existiert.
PP:
Hand aufs Herz, die Bilder sind gut!
MW:
Wann sind die Bilder besonders gut?
MG:
Besonders gute Bilder sind die, die aus dem härtesten Kampf
hervorgegangen sind.
Übrigens gute Bilder können in allen Lebenslagen
entstehen, objektive Kriterien sind mir nicht bekannt.
..oder ich habe versucht, sie als überflüssig zu
vergessen..
PP:
Ein Bild ist dann richtig gut, wenn es zeitlos, und doch in der Zeit
ist.
Wenn man aus dem Bild lernen kann.
Wenn es Fragen hat, die faszinieren.
MW:
Zur Lösung welcher Probleme ist die Malerei eurer Meinung nach
fähig.
PP:
Die Malerei hat solange es sie gibt nicht wirklich etwas
verändert. Ich spüre allerdings dass mir die Malerei
Kraft gibt. Die Malerei heilt mich.
Und es ist unsere Verantwortung, den Menschen die Möglichkeit
zu geben sich an der Malerei heilen zu können. Ich
würde mir wünschen, dass mehr Menschen diese
Möglichkeit erkennen und nutzen würden.
Das wäre wundervoll.
MG:
Um diese ihr gemäße Wirkung zu erreichen, muss die
Malerei vor allem als Malerei gesehen werden
..und nicht als Transportmedium für Inhalte aller Art oder als
Inhalt zur Füllung der Transportmedien.
..deshalb ist es unumgänglich, die volle Gültigkeit
dieser verantwortungsvollen und komplexen Seinsform zu akzeptieren..
Malerei ist eben vor allem Malerei.
MW:
Seht ihr die Gefahr, als Maler durch den Filter bekannter
Maler-Klischees betrachtet zu werden?
PP:
Über so etwas mache ich mir keine Gedanken.
Zum Teufel mit den Klischees.
MG:
..!
MW:
Wie entstehen eure Bilder, gibt es bestimmte Malzeiten und
–orte, bzw. Entstehungsschemata?
PP:
Früher habe ich nachts und ohne Vorlage gemalt. Das
heißt ich habe die Idee des Bildes während des
Malens entdeckt.
Heute male ich meistens tagsüber, da meine Farben
differenzierter geworden sind und ich das Tageslicht mag. Auch male ich
meine Leinwände jetzt immer nach einer Vorlage in Form einer
Zeichnung, oder eines Musikstückes.
Allerdings werden die Vorlagen im entstehenden Bild oft sehr
verändert, indem neue Ideen dazugefügt werden. An
vielen dieser Gedanken arbeite ich über mehrere Jahre hinweg
in Form von Bildserien. Das macht meine Malerei durchdachter und
konkreter.
Etwas sehr markantes an meiner Malerei ist, dass ich alle Bilder in
einem Akt durchmale. Und das oft in sehr kurzer Zeit. So entstehen auch
großformatige Bilder in unter zwei Stunden. Durch diese
Schnelligkeit gelingt es mir besser inneres nach außen zu
holen, um Erkenntnisse aus dem Bild zu gewinnen. Das Schnelle meiner
Malerei sehe ich in der Zeit begründet.
MG:
Meine Bilder entstehen immer in mehreren Ebenen. Diese Ebenen sind
zeitlich mitunter weit getrennt. So kann ein Bild durchaus
über ein Jahr brauchen, bis es fertig ist. Das
heißt, dass immer mehrere Bilder parallel in Arbeit sind. Ich
denke, dass alle Bilder Teil eines Gesamtkonzeptes sind, und deshalb
eine Korrelation möglich ist. Den Ausgangspunkt bildet
übrigens fast immer eine Skizze, oder mehrere Vorstudien, ein
allmähliches Herantasten an das Bild. Die Langsamkeit im
Bildwerden ist zum Prinzip geworden und ist im Sinne des
Ergebnisses. Der Malprozess hingegen ist oft sehr kurz und schnell..
Ich bin dabei Tageslichtfan und Nachtarbeiter. Fast alle Bilder
entstehen im Atelier, viele Skizzen unterwegs und die Ideen sowieso
intern..
MW:
Mit nur zwei Künstlern gibt sich Malfront sehr
elitär. Denkt Ihr künftig an eine personelle
Erweiterung?
MG:
Malfront ist offen für die Zukunft und durch keine Satzung
oder ähnliches eingeschränkt. Wir sind kein Verein
oder sonstige Institution sondern eine Initiative, die sich auf
privatem Engagement und Visionen gründet, da ist viel
möglich.
PP:
Einen großen Zufall wird es wohl brauchen, um Malfront zu
erweitern, was ich prinzipiell begrüße.
MW:
Ihr glaubt an die Wirkung eurer Malerei. Wie wollt ihr es
schaffen, dass andere Menschen daran glauben?
PP:
Wir werden hart arbeiten, weil wir an unsere Malerei glauben.
Natürlich tun wir das.
Ob andere Menschen sich diesem Glauben anschließen werden,
dass muss jeder für sich selbst entscheiden.
MG:
Malen. Malen. Malen.
MW:
Zur Gründungsausstellung am 31. August in Chemnitz: Mit dieser
ersten Ausstellung und Aktion mit dem Titel „Schöne
Grüße von der Malfront“ tretet ihr
erstmalig in der Öffentlichkeit als Malfront in Erscheinung.
Die Bilder der Ausstellung sollen alle an einem Tag entstehen. Steht
bei einer solchen Malaktion nicht zu sehr der reine physische Prozess
im Vordergrund und wirkt das nicht etwas unernst?
PP:
Nein.
die physische Beanspruchung und Belastung, die zweifelsohne entstehen
werden sind ein Teilaspekt. Eine neue Erfahrung. Denn über
einen Zeitraum von einem Tag konzentriert zu malen. Das haben wir beide
noch nie versucht.
Eine Herausforderung.
Denn gewöhnlich ist man nach einem höchsten zwei
Bildern schon sehr geschafft. Aber im Vordergrund soll und wird das
Malen stehen. Nicht unsere Physis.
Wir haben deswegen bewusst entschieden, den Besuchern den Zutritt zu
der Aktion zu verwehren.
Eine Entscheidung für das Malen, und die Bilder.
Zur späteren Ausstellung des Gemalten sind natürlich
alle Interessierten recht herzlich eingeladen!
MG:
Die Schnelligkeit der Ausführung (übrigens nur eine
scheinbare, die Vorarbeiten im Kopf haben längst begonnen)
setzt den zeitlichen Rahmen für die Malaktion und betont
gerade die Verantwortlichkeit für die Malerei - dass
nämlich der Prozess eine konzentrierte Aussage
ermöglichen soll und keine Materialvernichtungsschlacht ist.
Wir setzen keine Superlative, wie "so und so viel Quadratmeter Leinwand
in so und so viel Stunden". Darum geht es nicht, das mögen
andere tun.
Wir nehmen Malerei ernst.
Gerade diese Ernsthaftigkeit ist mir in den vergangenen Jahren von
vereinzelten Kunstkritikern vorgeworfen worden (..von solchen, die eine
bedeutungslose Kunst im endlosen Spaßmeer schwimmen sehen
wollen). Ebenso ist mir paradoxerweise zu große Lockerheit
vorgeworfen worden. Das zeigt doch nur eine momentane
Unschlüssigkeit in der Begegnung mit und der Bewertung von
Malerei.
Wir glauben an die Bedeutung von Malerei.
Malerei bedeutet.
Was sie bedeutet, dass ist herauszufinden oder vielmehr herauszumalen..
MW:
Wo soll’s in Zukunft hingehen?
PP:
Wir werden viel Energie investieren.
Man wird nicht an uns vorbeikommen.
MG:
Die Malfront-Zukunft wird allen Betrachtern ein glückliches
und erfülltes Leben bringen
Chemnitz, 4./5.August 2003
Der Presseartikel von Christian-H v Gehe:
Erkenntnisse vom Dauerzustand des Malens
„Malfront“ – eine Malaktion bis zur physischen und psychischen Erschöpfung einer Künstlergruppe
„Kann man als Künstler eigentlich ein ganz
normales Leben führen?“ Diese rhetorische Frage
stellte sich in der morgendlichen Dämmerung um 6.14 Uhr des
31. August der Fotograf Dirk Hanus – mit seiner kompletten
Fotoausrüstung sowie einer gewissen nebulösen
Erwartungshaltung ins Atelier des Chemnitzer Künstlers Michael
Goller eintretend. Hier, unauffällig und etwas abseits der
Schiersandstraße gelegen, in einem architektonisch der
Gründerzeit zuzurechnenden ehemaligen Manufakturkomplex
– fern ab jedes postmodernen Trubels mit all seinen
Auswüchsen und Lärmereien –, werden an
diesem Morgen bereits eifrig die letzten Vorbereitungen für
ein ganz besonderes Experiment getroffen.
Angekündigt wurde es als: „Die Künstler
malen von Sonnenaufgang bis zur Erschöpfung“ in der
örtlichen Lokalpresse. „Natürlich wurde bei
diesem Satz sofort mein Interesse geweckt, und ich erklärte
mich spontan dazu bereit, dieses außergewöhnliche
Ereignis mittels einer Fotoserie zu dokumentieren – obwohl im
Vorfeld überhaupt nicht feststand, zu welchem Ergebnis das
Experiment führen würde“ erklärt
der Berufsfotograf.
Mitten in ihren künstlerischen
„Lockerungsübungen“ befinden sich zu
diesem Zeitpunkt längst die Initiatoren Michael Goller und
Peter Piek, ein Künstlerkollege Gollers, der eigens aus
Leipzig angereist war...
„Speziell die Malerei charakterisiert sich im Moment der
eigentlichen Ausführung in der Regel durch eine zeitlich
beschränkte Hochkonzentrationsphase – dies liegt in
der körperlich-geistigen Natur des Menschen
begründet“, sind sich Goller und Piek einig. Nach
ihrer Auffassung spielt die Phantasie besonders in der
theoretisch-konzeptionellen Vorbereitungsphase die signifikanteste
Rolle. Ähnlich den Jagdinstinkten wird mit subtilstem
Gespür gründlich gesucht, aufwendig vorbereitet,
immer weiter fokusiert – und schließlich
entschlossen ausgeführt, wobei das souveräne
künstlerische Ausführen bzw. Umsetzen –
entgegen den weitverbreiteten opulenten Klischees der
Außenstehenden – fast jedesmal aus einer relativ
kurzen, äußerst intensiven Arbeitsphase
höchster Anspannung und Konzentration besteht.
„Die tatsächliche künstlerische
Tätigkeit beginnt für mich schon sehr weit im
Vorfeld, denn inmitten der schöpferischen Umsetzung denkt man
zumeist an überhaupt nichts mehr – das bewusste
Denken ist dann längst abgeschlossen und dient mir vielmehr
als notwendige Vorarbeit bzw. Schlüssel für das
Kommende“, ergänzt Goller. Beide Künstler
haben über diesen Standpunkt schon oft philosophiert, wodurch
sie sich an diesem Morgen ohne viele Worte verstehen und gegenseitig
ihre „Startpositionen“ vor den wartenden
Leinwänden einnehmen können. Ihre Gesichter strahlen
eine Art erwartungsfreudige Ruhe vor dem Sturm aus. Systematisch bis
ins kleinste Detail haben sie sich über Wochen hinweg
vorbereitet, denn sämtliche Utensilien und eventuell
benötigten Materialien, die für einen solchen
Marathon-Schöpfungsakt mit zeitlich offenem Ausgang
benötigt werden könnten, stehen schon griffbereit auf
ihren zugewiesenen Plätzen.
Endlich! Um 6.38 Uhr – mit den ersten Sonnenstrahlen, die
eine scheinbar unendliche – noch leicht dunstige Stille jetzt
Schritt für Schritt mehr ausleuchten, steigt die innere
Anspannung auf ein Höchstmaß, geprägt und
erwachsen durch die intensiven Vorbereitungen, durch nur allzu leicht
verständliche Instinkte der Ungewissheit als auch durch eine
Vielzahl an gedanklichen Erwartungsprozessen – die jedoch zu
keiner Sekunde die Motivation und Freude auf diesen Augenblick
gefährden konnten. Wie aus einem imaginären
Befreiungsschlag heraus beginnen Goller und Piek nun mit der letzten
Phase ihrer künstlerischen Arbeit. Eine Vielzahl
unterschiedlichster Pinsel und schnelltrocknender Farben
unterstützen jetzt – in diesen spürbar
emotional getränkten, hochkonzentrierten Momenten das
Schöpferische, das Entstehen – das ausdrucksstarke
Verarbeiten der im Vorfeld gefassten Meinungen und Gefühle
– ja, teilweise sogar ihr überraschendes Verwerfen
durch Selbsterkenntnis und direkte Erfahrung, denen sich in einer
solchen Situation niemand entziehen kann!
„Ich bin in diesem Moment sehr glücklich, dass ich
meine Skizzen und Vorstudien seit fast einem halben Jahr in einem immer
mehr Gestalt annehmenden Prozess, der Phantasie und Wirklichkeit auf
das Engste verband, ausgesponnen habe“, verrät Piek
– der diesen Tag einzig und allein dem
schöpferischen Genuss der Ausführung und Vollendung
seiner breit angelegten künstlerischen Vorbereitungen gewidmet
hat.
Auch bei seinem Mitstreiter Goller entfesselt der Beginn dieses
experimentellen Maltages unübersehbar ein
kraftvoll-entschlossenes Ausleben – oder treffender, ein
intensives Auskosten seiner angestauten kreativen Energien:
„Fast schon kam ich in den letzten Wochen in seelische
Bedrängnis, da bereits die zahlreichen Gedanken und
Anspannungen im Hinblick auf diesen einzigartigen Tag regelrecht
unbeschreiblich waren. Ich bin sehr gespannt, wie sich die jetzt
schlagartig offensichtlich werdende, unserem Versuch innewohnende
Ambivalenz – hin zu einem äußerst extremen
Prozess zeitlich unbegrenzten Schaffens, der erst durch
völlige Erschöpfung endet, auf unsere Arbeiten
– sowie am Ende auf uns selbst auswirkt!“
Vor diesem Hintergrund sollte sich auch die Wahl der dokumentarischen
Möglichkeiten mittels Fotografie durch den erfahrenen
Chemnitzer Fotografen Dirk Hanus als besonders vortrefflich und
bereichernd erweisen, der während des gesamten Projektes mit
seiner Kamera stets im richtigen Moment am richtigen Ort war
– und damit ein wertvolles Diorama der Ereignisse in der
Schiersandstraße schaffen konnte.
Höchst interessant bleibt jedoch neben den im Laufe dieses
Tages entstandenen Arbeiten nicht zuletzt schließlich das
zeitlich-protokollarische Ergebnis eines kollimativen Experiments
zweier Künstler, die weit mehr als ihre persönlichen
Stilrichtungen sowie die daraus resultierende Wahl und Form der
künstlerischen Ausdrucksmittel miteinander verbindet. Denn
fast zeitgleich senkten sich nur wenige Stunden vor Sonnenuntergang bei
beiden vor Erschöpfung die Pinsel!
Abschließend stellt sich nun doch noch einmal die Frage: Kann
ein Künstler ein ganz normales Leben führen?!
Christian-H v Gehe