Malfront 1 (Schöne Grüße von der Malfront)

Gründungsausstellung Malfront im Atelier Schiersandstraße 30./31.08.2003

Malfront Interview
Fragen von Mike Wassermann an Michael Goller und Peter Piek zur Neugründung der unabhängigen Künstlerinitiative Malfront

bildMW:
MALFRONT – Was ist das?

PP:
Malfront, das ist Malerei.
Und Malerei, das ist Leben.

MG:
..Leben in einer sehr intensiven Form, durch Malerei transformiert.

MW:
Malerei ist der eine wesentliche Punkt. Und wo verläuft die Front?

PP:
Die Front verläuft einerseits zwischen uns und der Leinwand, andererseits aber auch zwischen der Leinwand und dem Betrachter.

bildMG:
Die Front verläuft immer ganz vorn, direkt am Leben. Oft wird die Front überhaupt nicht wahrgenommen, da es – sicher auch durch die Erwartung an Medien – zu einer Zuschüttung der Sensibilität für Malerei gekommen ist.
Malfront will entschütten, denn die Malerei ist kein bloßes Medium und kein bloßer Inhalt, sondern steht vor allem auch für sich allein, eine eigenständige Seinsform, die, wie wir glauben, an der Front sich befindet..

MW:
Warum Malfront und warum gerade jetzt?

PP:
Die Zeit ist reif für Malfront.
Es braucht  einen neuen Gedanken für die Malerei.
Und die Malerei braucht eine erneute Befreiung von Malerei.
Ein Kind dieser Zeit.

MG:
Maler an die Front!

bildMW:
Wo seht ihr Vorbilder.

PP:
Bilder entstehen durch Bilder:
Ernst-Ludwig Kirchner und die späten Sachen von Lichtenstein begeistern mich. Aber auch Barnett Newman, Cy Twombly und Jerry Zeniuk.

MG:
Sämtliche bekannte und unbekannte Malerei und Nicht-Malerei. Besonders abstrakte Expressionisten.

MW:
Was unterscheidet eure Arbeit von anderen Standpunkten zeitgleicher Malerei?

PP:
Unsere Arbeiten sind Seele.
Der Ausdruck von Befindlichkeit. Und eben Leben.
Viele unserer Zeitgenossen sind meines Erachtens nach ungeheuer verkrampft.
Das heißt, ich fühle viele zeitgenössische Werke als nicht unserer Zeit entsprechend, das ist bei Malfront anders.

bildMG:
Die Eigenständigkeit des Ausdrucks ist ein gemeinsames Ziel. Natürlich gibt es immer Traditionen, sehr starke sogar, die sollen keineswegs negiert werden, vielmehr erscheint es uns wichtig, neue Spielregeln für die Malerei zu erkennen, ja sogar neu zu erfinden..

MW:
Wie aus eurer Biografie ersichtlich, seid ihr beide auch keine ausschließlichen Maler. Peter ist als Musiker aktiv und Michael ist publizistisch tätig. Wie passt das zur brutalen Konzentration auf die Malerei bei Malfront bzw. wie beeinflusst bei euch konkret der Umgang mit anderen Medien die Malerei?

PP:
Das passt sehr gut.
Malerei und Musik haben sich bei mir immer ergänzt. Die Musik hilft der Malerei und umgedreht.
Mit 10 Jahren wusste ich, dass ich entweder Maler oder Musiker werden wollte. Mit 20 wusste ich, ich werde beides.
Michael war bei mir im Proberaum, und ich spielte Schlagzeug. Er meinte es hört sich so an, wie ich Farbe rhythmisch auftrage wie beispielsweise bei den Nummernbildern. Wenn ich Gitarre spiele meinte er, dann ist das wie als würde ich  feine Linien komponieren.
Beides muss man üben. Beides muss man lieben.

MG:
In der Tat ist Peter eher der Schlagzeuger unter den Malern und der Maler unter den Gitarristen.
Bei mir hat die Malerei auch immer sehr profitiert von Erkenntnissen und Strukturen aus anderen Bereichen, die sich fast immer durch Malerei (transformiert) behandeln lassen. Den naheliegenden und zeitweise verlockenden Weg zum multimedialen Gesamtkunstwerk habe ich ebenso wie Peter überwunden. Ich denke, dass diese letztliche Festlegung auf Malerei richtig und wichtig ist, in einer Zeit, die Malerei zunehmend weniger als gültig wahrzunehmen glaubt. Konzentration auf Malerei heißt allerdings keineswegs Negation oder Amputation anderer Ebenen.. Eine zielgerichtete Alternanz und Malerei mit 100% Gültigkeit..

bildMW:
Beide geltet ihr bisher als Quasi-Außenseiter bezogen auf etablierte Kunstströmungen, als Enfant terrible in akademischen Hierarchien und als Querschläger im Kunstbetrieb. Wie geht ihr damit um?

PP:
Es ist in der Tat nicht leicht als Enfant terrible. Eine Zeit habe ich gebraucht, Um das zu verarbeiten. Sehr bitter. Aber es bestärkt mich auch. und zeigt mir, dass Malfront wichtig ist und wichtig wird. Malfront ist die Befreiung.
Inzwischen fasse ich es als Kompliment auf, mit meiner Malerei zwischen unfreien, starren, unbewegten und ängstlichen Kunsterstickern unangenehm aufzufallen.
Wohlbemerkt störe ich mit meiner Malerei. Und mit nichts sonst..

MG:
Die Eigenständigkeit ist ein wichtiges und verheißendes Gut. Die Kunstströmung strömt, wo Platz ist zum strömen und der Strom ist letztlich eine verdichtete Masse. Das sagt doch nichts über die Zusammensetzung des Wassers aus..
bild
MW:
Hand aufs Herz, findet ihr eure Bilder gut?

MG:
Logisch.
..ich finde sie zunächst mal notwendig, als Aufzeigen und Lösen von Problemen, die sonst nicht gesehen werden.
..und als Seinsform, die nur dank des Schaffensprozesses existiert.

PP:
Hand aufs Herz, die Bilder sind gut!

MW:
Wann sind die Bilder besonders gut?

MG:
Besonders gute Bilder sind die, die aus dem härtesten Kampf hervorgegangen sind.
Übrigens gute Bilder können in allen Lebenslagen entstehen, objektive Kriterien sind mir nicht bekannt.
..oder ich habe versucht, sie als überflüssig zu vergessen..

PP:
Ein Bild ist dann richtig gut, wenn es zeitlos, und doch in der Zeit ist.
Wenn man aus dem Bild lernen kann.
Wenn es Fragen hat, die faszinieren.

MW:
Zur Lösung welcher Probleme ist die Malerei eurer Meinung nach fähig.

PP:
Die Malerei hat solange es sie gibt nicht wirklich etwas verändert. Ich spüre allerdings dass mir die Malerei Kraft gibt. Die Malerei heilt mich.
Und es ist unsere Verantwortung, den Menschen die Möglichkeit zu geben sich an der Malerei heilen zu können. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diese Möglichkeit erkennen und nutzen würden.
Das wäre wundervoll.

bildMG:
Um diese ihr gemäße Wirkung zu erreichen, muss die Malerei vor allem als Malerei gesehen werden
..und nicht als Transportmedium für Inhalte aller Art oder als Inhalt zur Füllung der Transportmedien.
..deshalb ist es unumgänglich, die volle Gültigkeit dieser verantwortungsvollen und komplexen Seinsform zu akzeptieren..
Malerei ist eben vor allem Malerei.

MW:
Seht ihr die Gefahr, als Maler durch den Filter bekannter Maler-Klischees betrachtet zu werden?

PP:
Über so etwas mache ich mir keine Gedanken.
Zum Teufel mit den Klischees.

MG:
..!

MW:
Wie entstehen eure Bilder, gibt es bestimmte Malzeiten und –orte, bzw. Entstehungsschemata?

PP:
Früher habe ich nachts und ohne Vorlage gemalt. Das heißt ich habe die Idee des Bildes während des Malens entdeckt.
Heute male ich meistens tagsüber, da meine Farben differenzierter geworden sind und ich das Tageslicht mag. Auch male ich meine Leinwände jetzt immer nach einer Vorlage in Form einer Zeichnung, oder eines Musikstückes.
Allerdings werden die Vorlagen im entstehenden Bild oft sehr verändert, indem neue Ideen dazugefügt werden. An vielen dieser Gedanken arbeite ich über mehrere Jahre hinweg in Form von Bildserien. Das macht meine Malerei durchdachter und konkreter.
Etwas sehr markantes an meiner Malerei ist, dass ich alle Bilder in einem Akt durchmale. Und das oft in sehr kurzer Zeit. So entstehen auch großformatige Bilder in unter zwei Stunden. Durch diese Schnelligkeit gelingt es mir besser inneres nach außen zu holen, um Erkenntnisse aus dem Bild zu gewinnen. Das Schnelle meiner Malerei sehe ich in der Zeit begründet.

bildMG:
Meine Bilder entstehen immer in mehreren Ebenen. Diese Ebenen sind zeitlich mitunter weit getrennt. So kann ein Bild durchaus über ein Jahr brauchen, bis es fertig ist. Das heißt, dass immer mehrere Bilder parallel in Arbeit sind. Ich denke, dass alle Bilder Teil eines Gesamtkonzeptes sind, und deshalb eine Korrelation möglich ist. Den Ausgangspunkt bildet übrigens fast immer eine Skizze, oder mehrere Vorstudien, ein allmähliches Herantasten an das Bild. Die Langsamkeit im Bildwerden  ist zum Prinzip geworden und ist im Sinne des Ergebnisses. Der Malprozess hingegen ist oft sehr kurz und schnell..
Ich bin dabei Tageslichtfan und Nachtarbeiter. Fast alle Bilder entstehen im Atelier, viele Skizzen unterwegs und die Ideen sowieso intern..

MW:
Mit nur zwei Künstlern gibt sich Malfront sehr elitär. Denkt Ihr künftig an eine personelle Erweiterung?

MG:
Malfront ist offen für die Zukunft und durch keine Satzung oder ähnliches eingeschränkt. Wir sind kein Verein oder sonstige Institution sondern eine Initiative, die sich auf privatem Engagement und Visionen gründet, da ist viel möglich.

PP:
Einen großen Zufall wird es wohl brauchen, um Malfront zu erweitern, was ich prinzipiell begrüße.

MW:
Ihr glaubt an die Wirkung eurer  Malerei. Wie wollt ihr es schaffen, dass andere Menschen daran glauben?

bildPP:
Wir werden hart arbeiten, weil wir an unsere Malerei glauben.
Natürlich tun wir das.
Ob andere Menschen sich diesem Glauben anschließen werden, dass muss jeder für sich selbst entscheiden.

MG:
Malen. Malen. Malen.

MW:
Zur Gründungsausstellung am 31. August in Chemnitz: Mit dieser ersten Ausstellung und Aktion mit dem Titel „Schöne Grüße von der Malfront“ tretet ihr erstmalig in der Öffentlichkeit als Malfront in Erscheinung. Die Bilder der Ausstellung sollen alle an einem Tag entstehen. Steht bei einer solchen Malaktion nicht zu sehr der reine physische Prozess im Vordergrund und wirkt das nicht etwas unernst?

PP:
Nein.
die physische Beanspruchung und Belastung, die zweifelsohne entstehen werden sind ein Teilaspekt. Eine neue Erfahrung. Denn über einen Zeitraum von einem Tag konzentriert zu malen. Das haben wir beide noch nie versucht.
Eine Herausforderung.
Denn gewöhnlich ist man nach einem höchsten zwei Bildern schon sehr geschafft. Aber im Vordergrund soll und wird das Malen stehen. Nicht unsere Physis.
Wir haben deswegen bewusst entschieden, den Besuchern den Zutritt zu der Aktion zu verwehren.
Eine Entscheidung für das Malen, und die Bilder.
Zur späteren Ausstellung des Gemalten sind natürlich alle Interessierten recht herzlich eingeladen!

bildMG:
Die Schnelligkeit der Ausführung (übrigens nur eine scheinbare, die Vorarbeiten im Kopf haben längst begonnen) setzt den zeitlichen Rahmen für die Malaktion und betont gerade die Verantwortlichkeit für die Malerei - dass nämlich der Prozess eine konzentrierte Aussage ermöglichen soll und keine Materialvernichtungsschlacht ist. Wir setzen keine Superlative, wie "so und so viel Quadratmeter Leinwand in so und so viel Stunden". Darum geht es nicht, das mögen andere tun.
Wir nehmen Malerei ernst.
Gerade diese Ernsthaftigkeit ist mir in den vergangenen Jahren von vereinzelten Kunstkritikern vorgeworfen worden (..von solchen, die eine bedeutungslose Kunst im endlosen Spaßmeer schwimmen sehen wollen). Ebenso ist mir paradoxerweise zu große Lockerheit vorgeworfen worden. Das zeigt doch nur eine momentane Unschlüssigkeit in der Begegnung mit und der Bewertung von Malerei.
Wir glauben an die Bedeutung von Malerei.
Malerei bedeutet.
Was sie bedeutet, dass ist herauszufinden oder vielmehr herauszumalen..

MW:
Wo soll’s in Zukunft hingehen?

PP:
Wir werden viel Energie investieren.
Man wird nicht an uns vorbeikommen.

MG:
Die Malfront-Zukunft wird allen Betrachtern ein glückliches und erfülltes Leben bringen

Chemnitz, 4./5.August 2003


Der Presseartikel von Christian-H v Gehe:

Erkenntnisse vom Dauerzustand des Malens

„Malfront“ – eine Malaktion bis zur physischen und psychischen Erschöpfung einer Künstlergruppe

„Kann man als Künstler eigentlich ein ganz normales Leben führen?“ Diese rhetorische Frage stellte sich in der morgendlichen Dämmerung um 6.14 Uhr des 31. August der Fotograf Dirk Hanus – mit seiner kompletten Fotoausrüstung sowie einer gewissen nebulösen Erwartungshaltung ins Atelier des Chemnitzer Künstlers Michael Goller eintretend. Hier, unauffällig und etwas abseits der Schiersandstraße gelegen, in einem architektonisch der Gründerzeit zuzurechnenden ehemaligen Manufakturkomplex – fern ab jedes postmodernen Trubels mit all seinen Auswüchsen und Lärmereien –, werden an diesem Morgen bereits eifrig die letzten Vorbereitungen für ein ganz besonderes Experiment getroffen.
Angekündigt wurde es als: „Die Künstler malen von Sonnenaufgang bis zur Erschöpfung“ in der örtlichen Lokalpresse. „Natürlich wurde bei diesem Satz sofort mein Interesse geweckt, und ich erklärte mich spontan dazu bereit, dieses außergewöhnliche Ereignis mittels einer Fotoserie zu dokumentieren – obwohl im Vorfeld überhaupt nicht feststand, zu welchem Ergebnis das Experiment führen würde“ erklärt der Berufsfotograf.
Mitten in ihren künstlerischen „Lockerungsübungen“ befinden sich zu diesem Zeitpunkt längst die Initiatoren Michael Goller und Peter Piek, ein Künstlerkollege Gollers, der eigens aus Leipzig angereist war...
„Speziell die Malerei charakterisiert sich im Moment der eigentlichen Ausführung in der Regel durch eine zeitlich beschränkte Hochkonzentrationsphase – dies liegt in der körperlich-geistigen Natur des Menschen begründet“, sind sich Goller und Piek einig. Nach ihrer Auffassung spielt die Phantasie besonders in der theoretisch-konzeptionellen Vorbereitungsphase die signifikanteste Rolle. Ähnlich den Jagdinstinkten wird mit subtilstem Gespür gründlich gesucht, aufwendig vorbereitet, immer weiter fokusiert – und schließlich entschlossen ausgeführt, wobei das souveräne künstlerische Ausführen bzw. Umsetzen – entgegen den weitverbreiteten opulenten Klischees der Außenstehenden – fast jedesmal aus einer relativ kurzen, äußerst intensiven Arbeitsphase höchster Anspannung und Konzentration besteht.
„Die tatsächliche künstlerische Tätigkeit beginnt für mich schon sehr weit im Vorfeld, denn inmitten der schöpferischen Umsetzung denkt man zumeist an überhaupt nichts mehr – das bewusste Denken ist dann längst abgeschlossen und dient mir vielmehr als notwendige Vorarbeit bzw. Schlüssel für das Kommende“, ergänzt Goller. Beide Künstler haben über diesen Standpunkt schon oft philosophiert, wodurch sie sich an diesem Morgen ohne viele Worte verstehen und gegenseitig ihre „Startpositionen“ vor den wartenden Leinwänden einnehmen können. Ihre Gesichter strahlen eine Art erwartungsfreudige Ruhe vor dem Sturm aus. Systematisch bis ins kleinste Detail haben sie sich über Wochen hinweg vorbereitet, denn sämtliche Utensilien und eventuell benötigten Materialien, die für einen solchen Marathon-Schöpfungsakt mit zeitlich offenem Ausgang benötigt werden könnten, stehen schon griffbereit auf ihren zugewiesenen Plätzen.
Endlich! Um 6.38 Uhr – mit den ersten Sonnenstrahlen, die eine scheinbar unendliche – noch leicht dunstige Stille jetzt Schritt für Schritt mehr ausleuchten, steigt die innere Anspannung auf ein Höchstmaß, geprägt und erwachsen durch die intensiven Vorbereitungen, durch nur allzu leicht verständliche Instinkte der Ungewissheit als auch durch eine Vielzahl an gedanklichen Erwartungsprozessen – die jedoch zu keiner Sekunde die Motivation und Freude auf diesen Augenblick gefährden konnten. Wie aus einem imaginären Befreiungsschlag heraus beginnen Goller und Piek nun mit der letzten Phase ihrer künstlerischen Arbeit. Eine Vielzahl unterschiedlichster Pinsel und schnelltrocknender Farben unterstützen jetzt – in diesen spürbar emotional getränkten, hochkonzentrierten Momenten das Schöpferische, das Entstehen – das ausdrucksstarke Verarbeiten der im Vorfeld gefassten Meinungen und Gefühle – ja, teilweise sogar ihr überraschendes Verwerfen durch Selbsterkenntnis und direkte Erfahrung, denen sich in einer solchen Situation niemand entziehen kann!
„Ich bin in diesem Moment sehr glücklich, dass ich meine Skizzen und Vorstudien seit fast einem halben Jahr in einem immer mehr Gestalt annehmenden Prozess, der Phantasie und Wirklichkeit auf das Engste verband, ausgesponnen habe“, verrät Piek – der diesen Tag einzig und allein dem schöpferischen Genuss der Ausführung und Vollendung seiner breit angelegten künstlerischen Vorbereitungen gewidmet hat.
Auch bei seinem Mitstreiter Goller entfesselt der Beginn dieses experimentellen Maltages unübersehbar ein kraftvoll-entschlossenes Ausleben – oder treffender, ein intensives Auskosten seiner angestauten kreativen Energien: „Fast schon kam ich in den letzten Wochen in seelische Bedrängnis, da bereits die zahlreichen Gedanken und Anspannungen im Hinblick auf diesen einzigartigen Tag regelrecht unbeschreiblich waren. Ich bin sehr gespannt, wie sich die jetzt schlagartig offensichtlich werdende, unserem Versuch innewohnende Ambivalenz – hin zu einem äußerst extremen Prozess zeitlich unbegrenzten Schaffens, der erst durch völlige Erschöpfung endet, auf unsere Arbeiten – sowie am Ende auf uns selbst auswirkt!“
Vor diesem Hintergrund sollte sich auch die Wahl der dokumentarischen Möglichkeiten mittels Fotografie durch den erfahrenen Chemnitzer Fotografen Dirk Hanus als besonders vortrefflich und bereichernd erweisen, der während des gesamten Projektes mit seiner Kamera stets im richtigen Moment am richtigen Ort war – und damit ein wertvolles Diorama der Ereignisse in der Schiersandstraße schaffen konnte.
Höchst interessant bleibt jedoch neben den im Laufe dieses Tages entstandenen Arbeiten nicht zuletzt schließlich das zeitlich-protokollarische Ergebnis eines kollimativen Experiments zweier Künstler, die weit mehr als ihre persönlichen Stilrichtungen sowie die daraus resultierende Wahl und Form der künstlerischen Ausdrucksmittel miteinander verbindet. Denn fast zeitgleich senkten sich nur wenige Stunden vor Sonnenuntergang bei beiden vor Erschöpfung die Pinsel!
Abschließend stellt sich nun doch noch einmal die Frage: Kann ein Künstler ein ganz normales Leben führen?!

Christian-H v Gehe