Labyrationen

Stadtbibliothek Greiz 1.2. - 31.3.2001

einladung

Verlockende Eingänge zu neuen Dimensionen

Der Chemnitzer Maler Michael Goller präsentiert in Greiz ,,Labyrationen’’

GREIZ. – Wege verlieren sich im Leeren. Zugänge bleiben verborgen. Sackgassen verlocken. Um zum Kern vorzudringen, bedarf es Anstrengung. Die Welt, das Leben, eine ewige Suche auf den zum Ziel führenden Pfaden. Sich nicht ablenken lassen vom Blendwerk, das ringsum glitzert. Oder doch den Umweg wagen, um Neues zu finden? Um Unerforschtes zu entdecken und in Seelenwinkel vorzudringen, die zum Ausweg werden. Derlei Gedanken stellen sich zwangsläufig ein, reflektiert der Betrachter über die Zeichnungen des Chemnitzer Malers Michael Goller. ,,Labyrationen’’ nennt der 1974 geborene Künstler seine Ausstellung, die am vergangenen Donnerstag in der Greizer Stadt- und Kreisbibliothek Greiz unter breitem öffentlichen Interesse eröffnet wurde.
Musiker zur Vernissage in der Bibliothek. Matthias Krieg, Alex Lörinczy und Tobias Brunn (v.l.)Eine Exposition, die zur Eröffnung nicht wie sonst üblich sofort nach Laudatio und Dankesworten den Blick freigab auf die Arbeiten des Ausstellenden. Der Weg zu den Bildern führte über Umwege – geistige Umwege. Musik stimmte die Gäste ein, live gespielt von den Gitarristen Alex Lörinczy und Matthias Krieg sowie Tobias Brunn am Bass. Mit ihrem verträumt-meditativen Sound schufen die drei Chemnitzer Musiker eine Klangwelt, die tonal die Inhalte von Gollers Zeichnungen aufgriff. Die Musik lenkte hin zu einem Gespräch, szenisch dargeboten von den Greizern Thomas Jäkel, Ruth Seifert und Carola Angermann, geschrieben von Michael Goller und Heika Grafe. Der Maler als Autor? Auch das war zu erleben, bevor der Blick in die Zeichnungen tauchen durfte. Klang und Szene bereiteten die Straße zu den Arbeiten, formten ein künstlerisches Gesamtbild. Kein Wunder, Goller studierte, nach Berufsausbildung in Leipzig und verschiedenen Tätigkeiten bei Presse und Werbung, Medientechnik in Mittweida, wo er seit vorigem Jahr einen Lehrauftrag für Mediendesign innehat. Der Künstler, daran blieb in Greiz kein Zweifel, fühlt sich den modernen Medien verpflichtet, versteht den Umgang mit ihnen. Und diese Tatsache kommt sowohl seinem Werk zugute als auch findet sie sich in seinen Arbeiten wieder.
Beschränkt sich die Greizer Exposition, bis auf ein Öl-Gemälde, ausschließlich auf Tusch-Zeichnungen, so zeugen diese von dem Bedürfnis, hinter die Fassaden des vordergründig Sichtbaren zu gelangen. Skizzenhaft erscheinende Lineaturen fügen sich zu Figuren, verlieren sich aber auch teilweise in über den Illustrationen liegenden Barrieren, die zunächst undurchdringbar scheinen, ohne allerdings die Leichtigkeit der Zeichnungen zu zerstören. Und es finden sich spielerisch eingefügte Labyrinthe in den Abbildungen, die wiederum wie verlockende Eingänge zu immer neuen Dimensionen wirken. So fesseln Gollers Zeichnungen ob ihrer auf den ersten Blick wie flüchtige Bemerkungen anmutenden Aussage, indes – und das wird beim längeren Hinsehen deutlich – geben sie tief Empfundenes preis. ,,Labyrationen’’ ist somit eine Ausstellung, die es lohnt, nicht nur einmal besucht zu werden. 

Karsten Schaarschmidt, Vogtland-Anzeiger 5. Februar 2001

Labyrationen
Ein Dialog über Labyrinthe
von Heika Grafe und Michael Goller
 

Grafik "Labyrationen" - Gemeinschaftsarbeit von Heika Grafe und Michael GollerHeika und Michael gehen einzeln durch das Labyrinth auf der Titelseite. Als Heika die ballonförmige Erweiterung im Zentrum passiert hat, begegnet sie Michael, der ihr eben gedankenversunken an einer Weggabelung entgegenkommt.
Heika: Hallo Michael!
Michael: Heika, sei mir gegrüßt, was führt dich hierher?
Heika: Wie ich hier rein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich suche einen Ausweg aus diesem Gewirr von Wegen.
Michael: Auch ich befand mich plötzlich hier. Es sind seltsame Wege, die immer im Kreis zu führen scheinen. Soeben suche ich nach einer Orientierung.
Heika: Mir ist nur bekannt, dass dieses Gebilde, in dem wir uns befinden, von zwei Malern entworfen wurde -äh - ich  glaube ein Herr Goller und eine gewisse Frau Grafe.
Michael: Was haben sie sich dabei nur gedacht? Niemand käme auf die Idee, so ein überdimensioniertes Weggebilde zu erschaffen und darin noch Menschen einzusperren - oder doch?
Heika: Das kann ich dir auch nicht so genau sagen, aber ich denke jeder kommt irgendwann auf irgendeinem Weg zu einer Idee.
Michael: Was hältst du davon, der Frage auf den Grund zu gehen, denn ich habe jetzt eh nichts anderes vor. Du etwa?
Heika: Ha, ha! Sehr witzig.
Michael: Also - was ist eine Idee?
Heika: Die Idee ist das Samenkorn, aus dem ein Prozess der Entwicklung und Reifung wächst.
Michael: Auch für mich ist die Idee der Ursprung, der Anfangspunkt eines Schaffensweges. Sie stellt sich bei mir meist als bildliche Vision ein, plötzlich habe ich einen starken visuellen Eindruck, so stark, dass er unerbittlich auf Verwirklichung drängt. Wie erlebst du eine I d e e? '
Heika: Wenn in mir eine Idee keimt, dann finden sämtliche Bewusstseinsebenen einen einzigen Nenner.
Michael: Was verstehst du unter Bewusstseinsebenen?
Heika: Jeder Mensch kann sich unterschiedlich viele Bewusstseinsebenen antrainieren, wenn er es lernt, sich auf die Erschließung neuer mentaler Zustände einzulassen. z.B. Augen zu, Musik an - ein Wechselspiel surrealer Rationalitäten... Hast du dir schon mal überlegt, dass es auch Bewusstseinsunebenen gibt?
Michael: Schwierig scheint mir, diese Bewusstseinsebenen und -unebenen überhaupt zu erreichen. Kunst kann eine Brücke dazu sein, kann Eindrücke vermitteln, die anders nicht erlebbar sind. Ich finde bei meiner Wanderung durch die Ebenen tausend Realitäten vor, aber nur eine einzige ist rational beschreibbar. Die anderen versuche ich malerisch auszuloten. Findest du nicht auch, dass der rationalen Erscheinung zuviel Respekt gezollt wird?
Heika: Lass uns doch unseren guten Freund Wolfgang von Goethe um Rat fragen!
er kommt gerade um die Ecke
Goethe: Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazuzutun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.
verschwindet in einer Seitengasse, die sich sofort wieder schließt
Michael: Also ist doch auch entscheidend, ob der Betrachter überhaupt in der Lage ist, die ihm aufgezeigten Ebenen wahrzunehmen.
Heika: Das mein ich ja! Darin liegt doch das Problem, dass der Schaffende früh herauszufinden hat, wie seine Arbeiten auf welche Persönlichkeiten wirken und somit in der Lage ist, seine speziellen Zielgruppen zu gestalten.
Michael: Der Schaffende sollte nicht nur auf die Zielgruppe achten, sondern vielmehr ist das Schaffen etwas Notwendiges, etwas was unabhängig von der Zielgruppe entsteht. Diese Zielgruppe schließlich - das ist das Unbeständigste, was es überhaupt gibt. Der Schaffende aber ist frei, und das heißt für mich, dass er  keine Rechenschaft ablegt, außer gegenüber seiner ursprünglichen Idee.
Heika: Ich rede über die Wirkung und den Grad des Verstehens  beim Betrachter. Die Farbigkeit gepaart mit der Eigendynamik soll den Betrachter indirekt auffordern Assoziationen aufzubauen. Und nun fallen die individuellen Erfahrungsschätze der Betrachter ins Gewicht. Die Gefühle, die ein Bild beim Betrachter hervorruft, existieren bereits, da sie durch bestimmte Ereignisse geprägt wurden.
Michael : Dann ist also das Bild ein Mittel, um diese Gefühle beim Betrachter überhaupt zu wecken. Doch sind es dieselben Gefühle, die der Künstler beim Entstehungsprozess in das Bild hineinlegt? Muss er überhaupt Emotionen hineinlegen?
ein Telefon an der Wand klingelt, Heika geht ran
Kandinsky: Da die Kunst auf das Gefühl wirkt, so kann sie auch nur durch das Gefühl wirken
Junge Greizer Schauspieler bei der Inszenierung des Dialoges zur Vernissage. Thomas Jäkel und Carola Angermann (v.l.)Heika: Wie .....   -- hallo?
er hat sofort wieder aufgelegt
Heika: Im Allgemeinen trifft dies  mit Sicherheit zu. Aber auf der anderen Seite kann es natürlich auch möglich sein, dass der Betrachter Gefühle empfindet, wie sie der Künstler auf diese Art und Weise nie entwickelt hätte.
Michael: O.K.
kurze Pause
Michael  deutet auf den Weg, der nach links oben führt: Wo führt eigentlich dieser Abzweig hin - ich finde, wir sollten das mal untersuchen.
Heika: Nun gut, lass uns mal da langwandeln. Dabei können wir unsere Konversation ruhig fortsetzen. Wo sind wir eigentlich stehen geblieben?
Michael: keine Ahnung, das Thema ist den Tiefen des Unterbewussten verschollen. Deshalb ...
Heika: Reden wir eben über das Unterbewusstsein, weil es das ist, was kaum einer wirklich von sich kennt. Seine Bewusstseinsebenen kann er durch Kunst wahrnehmen, wie wir vorhin festgestellt haben, doch welche Prozesse in seinem Unterbewusstsein ablaufenkann er nicht so leicht deuten.
Michael: Ich denke, dass aber gerade diese Prozesse unser Denken am meisten beeinflussen. Sie sind nicht nachvollziehbar und das heißt - nicht nachkonstruierbar. Vielleicht gelten für sie andere Einflussgrößen. Vielleicht gibt es eine andere Zeitrechnung.
Heika: Ich würde es als die unbekannte Dimension bezeichnen, die bei jedem kreativen Geist unterschiedliche Ausmaße annehmen kann. Ich versuche es dir zu verbildlichen durch eine kleine Formel: Kunst = Natur - X.
Michael: Mein Vorschlag: Kunst = (Natur - X) + EUB. (EUB = Einflüsse des Unterbewussten) Oder Labyrinth = EUB +/- X. Versucht der Künstler nicht auch gelegentlich, sein Unterbewusstes auf die Realität zu projizieren? Sind solche Projektionen Labyrinthe? Wenn ja, wo sind wir dann?
Heika: Vielleicht bald woanders. Da vorn sind so eine Art Felsen.
Michael: Ziemlich glattgehauen, eher wie Fragmente von Hochhäusern...
Heika: Das erste sieht aus wie ein großes L, das zweite könnte ein A sein, dort könnten wir hochklettern, vielleicht sehen wir von oben einen Ausweg.
Sie klettern hoch. Als sie die Höhe erreicht haben,
Bloff.

Michael Goller vor den "Landschaften"

Fotos (3): K.Schaarschmidt

Karsten Schaarschmidt Freier Journalist - Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband - Landesverband Thüringen
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