
Verlockende Eingänge zu neuen Dimensionen
GREIZ. – Wege verlieren sich im Leeren. Zugänge bleiben verborgen.
Sackgassen verlocken. Um zum Kern vorzudringen, bedarf es Anstrengung.
Die Welt, das Leben, eine ewige Suche auf den zum Ziel führenden
Pfaden. Sich nicht ablenken lassen vom Blendwerk, das ringsum glitzert.
Oder doch den Umweg wagen, um Neues zu finden? Um Unerforschtes zu
entdecken und in Seelenwinkel vorzudringen, die zum Ausweg werden.
Derlei Gedanken stellen sich zwangsläufig ein, reflektiert der
Betrachter über die Zeichnungen des Chemnitzer Malers Michael Goller.
,,Labyrationen’’ nennt der 1974 geborene Künstler seine Ausstellung,
die am vergangenen Donnerstag in der Greizer Stadt- und Kreisbibliothek
Greiz unter breitem öffentlichen Interesse eröffnet wurde.
Eine
Exposition, die zur Eröffnung nicht wie sonst üblich sofort nach
Laudatio und Dankesworten den Blick freigab auf die Arbeiten des
Ausstellenden. Der Weg zu den Bildern führte über Umwege – geistige
Umwege. Musik stimmte die Gäste ein, live gespielt von den Gitarristen
Alex Lörinczy und Matthias Krieg sowie Tobias Brunn am Bass. Mit ihrem
verträumt-meditativen Sound schufen die drei Chemnitzer Musiker eine
Klangwelt, die tonal die Inhalte von Gollers Zeichnungen aufgriff. Die
Musik lenkte hin zu einem Gespräch, szenisch dargeboten von den
Greizern Thomas Jäkel, Ruth Seifert und Carola Angermann, geschrieben
von Michael Goller und Heika Grafe. Der Maler als Autor? Auch das war
zu erleben, bevor der Blick in die Zeichnungen tauchen durfte. Klang
und Szene bereiteten die Straße zu den Arbeiten, formten ein
künstlerisches Gesamtbild. Kein Wunder, Goller studierte, nach
Berufsausbildung in Leipzig und verschiedenen Tätigkeiten bei Presse
und Werbung, Medientechnik in Mittweida, wo er seit vorigem Jahr einen
Lehrauftrag für Mediendesign innehat. Der Künstler, daran blieb in
Greiz kein Zweifel, fühlt sich den modernen Medien verpflichtet,
versteht den Umgang mit ihnen. Und diese Tatsache kommt sowohl seinem
Werk zugute als auch findet sie sich in seinen Arbeiten wieder.
Beschränkt sich die Greizer Exposition, bis auf ein Öl-Gemälde,
ausschließlich auf Tusch-Zeichnungen, so zeugen diese von dem
Bedürfnis, hinter die Fassaden des vordergründig Sichtbaren zu
gelangen. Skizzenhaft erscheinende Lineaturen fügen sich zu Figuren,
verlieren sich aber auch teilweise in über den Illustrationen liegenden
Barrieren, die zunächst undurchdringbar scheinen, ohne allerdings die
Leichtigkeit der Zeichnungen zu zerstören. Und es finden sich
spielerisch eingefügte Labyrinthe in den Abbildungen, die wiederum wie
verlockende Eingänge zu immer neuen Dimensionen wirken. So fesseln
Gollers Zeichnungen ob ihrer auf den ersten Blick wie flüchtige
Bemerkungen anmutenden Aussage, indes – und das wird beim längeren
Hinsehen deutlich – geben sie tief Empfundenes preis. ,,Labyrationen’’
ist somit eine Ausstellung, die es lohnt, nicht nur einmal besucht zu
werden.
Karsten Schaarschmidt, Vogtland-Anzeiger 5. Februar 2001
Labyrationen
Ein Dialog über Labyrinthe
von Heika Grafe und Michael Goller
Heika
und Michael gehen einzeln durch das Labyrinth auf der Titelseite. Als
Heika die ballonförmige Erweiterung im Zentrum passiert hat, begegnet
sie Michael, der ihr eben gedankenversunken an einer Weggabelung
entgegenkommt.
Heika: Hallo Michael!
Michael: Heika, sei mir gegrüßt, was führt dich hierher?
Heika: Wie ich hier rein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich suche einen Ausweg aus diesem Gewirr von Wegen.
Michael: Auch ich befand mich plötzlich hier. Es sind seltsame Wege,
die immer im Kreis zu führen scheinen. Soeben suche ich nach einer
Orientierung.
Heika: Mir ist nur bekannt, dass dieses Gebilde, in dem wir uns
befinden, von zwei Malern entworfen wurde -äh - ich glaube ein
Herr Goller und eine gewisse Frau Grafe.
Michael: Was haben sie sich dabei nur gedacht? Niemand käme auf die
Idee, so ein überdimensioniertes Weggebilde zu erschaffen und darin
noch Menschen einzusperren - oder doch?
Heika: Das kann ich dir auch nicht so genau sagen, aber ich denke jeder kommt irgendwann auf irgendeinem Weg zu einer Idee.
Michael: Was hältst du davon, der Frage auf den Grund zu gehen, denn ich habe jetzt eh nichts anderes vor. Du etwa?
Heika: Ha, ha! Sehr witzig.
Michael: Also - was ist eine Idee?
Heika: Die Idee ist das Samenkorn, aus dem ein Prozess der Entwicklung und Reifung wächst.
Michael: Auch für mich ist die Idee der Ursprung, der Anfangspunkt
eines Schaffensweges. Sie stellt sich bei mir meist als bildliche
Vision ein, plötzlich habe ich einen starken visuellen Eindruck, so
stark, dass er unerbittlich auf Verwirklichung drängt. Wie erlebst du
eine I d e e? '
Heika: Wenn in mir eine Idee keimt, dann finden sämtliche Bewusstseinsebenen einen einzigen Nenner.
Michael: Was verstehst du unter Bewusstseinsebenen?
Heika: Jeder Mensch kann sich unterschiedlich viele Bewusstseinsebenen
antrainieren, wenn er es lernt, sich auf die Erschließung neuer
mentaler Zustände einzulassen. z.B. Augen zu, Musik an - ein
Wechselspiel surrealer Rationalitäten... Hast du dir schon mal
überlegt, dass es auch Bewusstseinsunebenen gibt?
Michael: Schwierig scheint mir, diese Bewusstseinsebenen und -unebenen
überhaupt zu erreichen. Kunst kann eine Brücke dazu sein, kann
Eindrücke vermitteln, die anders nicht erlebbar sind. Ich finde bei
meiner Wanderung durch die Ebenen tausend Realitäten vor, aber nur eine
einzige ist rational beschreibbar. Die anderen versuche ich malerisch
auszuloten. Findest du nicht auch, dass der rationalen Erscheinung
zuviel Respekt gezollt wird?
Heika: Lass uns doch unseren guten Freund Wolfgang von Goethe um Rat fragen!
er kommt gerade um die Ecke
Goethe: Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der,
der etwas dazuzutun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.
verschwindet in einer Seitengasse, die sich sofort wieder schließt
Michael: Also ist doch auch entscheidend, ob der Betrachter überhaupt in der Lage ist, die ihm aufgezeigten Ebenen wahrzunehmen.
Heika: Das mein ich ja! Darin liegt doch das Problem, dass der
Schaffende früh herauszufinden hat, wie seine Arbeiten auf welche
Persönlichkeiten wirken und somit in der Lage ist, seine speziellen
Zielgruppen zu gestalten.
Michael: Der Schaffende sollte nicht nur auf die Zielgruppe achten,
sondern vielmehr ist das Schaffen etwas Notwendiges, etwas was
unabhängig von der Zielgruppe entsteht. Diese Zielgruppe schließlich -
das ist das Unbeständigste, was es überhaupt gibt. Der Schaffende aber
ist frei, und das heißt für mich, dass er keine Rechenschaft
ablegt, außer gegenüber seiner ursprünglichen Idee.
Heika: Ich rede über die Wirkung und den Grad des Verstehens beim
Betrachter. Die Farbigkeit gepaart mit der Eigendynamik soll den
Betrachter indirekt auffordern Assoziationen aufzubauen. Und nun fallen
die individuellen Erfahrungsschätze der Betrachter ins Gewicht. Die
Gefühle, die ein Bild beim Betrachter hervorruft, existieren bereits,
da sie durch bestimmte Ereignisse geprägt wurden.
Michael : Dann ist also das Bild ein Mittel, um diese Gefühle beim
Betrachter überhaupt zu wecken. Doch sind es dieselben Gefühle, die der
Künstler beim Entstehungsprozess in das Bild hineinlegt? Muss er
überhaupt Emotionen hineinlegen?
ein Telefon an der Wand klingelt, Heika geht ran
Kandinsky: Da die Kunst auf das Gefühl wirkt, so kann sie auch nur durch das Gefühl wirken
Heika: Wie ..... -- hallo?
er hat sofort wieder aufgelegt
Heika: Im Allgemeinen trifft dies mit Sicherheit zu. Aber auf der
anderen Seite kann es natürlich auch möglich sein, dass der Betrachter
Gefühle empfindet, wie sie der Künstler auf diese Art und Weise nie
entwickelt hätte.
Michael: O.K.
kurze Pause
Michael deutet auf den Weg, der nach links oben führt: Wo führt eigentlich dieser Abzweig hin - ich finde, wir sollten das mal untersuchen.
Heika: Nun gut, lass uns mal da langwandeln. Dabei können wir unsere
Konversation ruhig fortsetzen. Wo sind wir eigentlich stehen geblieben?
Michael: keine Ahnung, das Thema ist den Tiefen des Unterbewussten verschollen. Deshalb ...
Heika: Reden wir eben über das Unterbewusstsein, weil es das ist, was
kaum einer wirklich von sich kennt. Seine Bewusstseinsebenen kann er
durch Kunst wahrnehmen, wie wir vorhin festgestellt haben, doch welche
Prozesse in seinem Unterbewusstsein ablaufenkann er nicht so leicht
deuten.
Michael: Ich denke, dass aber gerade diese Prozesse unser Denken am
meisten beeinflussen. Sie sind nicht nachvollziehbar und das heißt -
nicht nachkonstruierbar. Vielleicht gelten für sie andere
Einflussgrößen. Vielleicht gibt es eine andere Zeitrechnung.
Heika: Ich würde es als die unbekannte Dimension bezeichnen, die bei
jedem kreativen Geist unterschiedliche Ausmaße annehmen kann. Ich
versuche es dir zu verbildlichen durch eine kleine Formel: Kunst =
Natur - X.
Michael: Mein Vorschlag: Kunst = (Natur - X) + EUB. (EUB = Einflüsse des Unterbewussten) Oder
Labyrinth = EUB +/- X. Versucht der Künstler nicht auch gelegentlich,
sein Unterbewusstes auf die Realität zu projizieren? Sind solche
Projektionen Labyrinthe? Wenn ja, wo sind wir dann?
Heika: Vielleicht bald woanders. Da vorn sind so eine Art Felsen.
Michael: Ziemlich glattgehauen, eher wie Fragmente von Hochhäusern...
Heika: Das erste sieht aus wie ein großes L, das zweite könnte ein A
sein, dort könnten wir hochklettern, vielleicht sehen wir von oben
einen Ausweg.
Sie klettern hoch. Als sie die Höhe erreicht haben,
Bloff.

© Fotos (3): Karsten Schaarschmidt