Modulationen

Museum "Alte Pfarrhäuser" Mittweida 19.5.-9.6.2000

bild"Sich mit Kunst zu beschäftigen ist immer eine spannende Sache. Besonders dann, wenn es sich um noch junge Künstler handelt, deren Arbeiten noch für sich selbst sprechen müssen, da sie noch nicht zu den fest gehandelten Werten im Kunstbetrieb gehören.
Für ein Museum, wenn es sich auch um ein kleines handelt, ist eine solche engagierte Ausstellung eine Auszeichnung. Ein schönes Zeichen von Kontinuität ist es zumal, wenn Künstler in überschaubaren Abständen mit ihrem Schaffen wiederholt vorgestellt werden, wie das bei dieser Ausstellung der Fall ist, denn Bilder von Michael Goller waren hier bereits im Jahre 1997 zu sehen.
Dass bei dieser Ausstellung, zu der wir heute geladen wurden, auch die Skulpturen einer jungen Bildhauerin, ihr Name ist Jana Pauke, zu sehen sind, ist besonders löblich.
Die Kunst ist vergleichbar mit einer Sprache, die erlernbar ist, die wir jedoch nicht sogleich verstehen können. Wer aber kann denn eine Sprache verstehen, die zu erlernen er sich noch niemals bemüht hat? Kunst ist eine Sprache, die zu verstehen man erlernen kann.
Lassen wir uns vorerst mit unseren ganzen Sinnen und Empfindungen auf das ein, was uns Jana Pauke und Michael Goller zu sagen haben. Denn die Skulpturen der Künstlerin und die Bilder des Künstlers beinhalten Botschaften, die durch Worte nicht mitzuteilen sind.
Gestatten Sie mir trotzdem einige kurze gedankliche Ausflüge die mir in den Sinn kamen, als ich mich darum bemühte, meinen ausdrücklichen Respekt vor den Arbeiten und besonders vor dem selbstgewählten schwierig zu meisternden Lebensweg beider Künstler in Worte zu fassen.
Noch in den 60er und 70er Jahren waren Tafelbild und traditionell scheinende Skulptur Ausgangspunkte künstlerischer Erweiterungsbestrebungen. Ein Hort überkommener Traditionen, den man zu überwinden trachtete. Die Antwort auf die Avantgarde kommt aus der sich nun zu Wort meldenden nachfolgenden Generation, die die Vergangenheit, die unzerstörbar ist, auf neue Weise interpretiert.bild
Beide Künstler denen wir hier begegnen, Jana Pauke wie auch Michael Goller, gehören zu dieser Generation.
Künstler, so glaube ich, kommunizieren mit anderen Mitteln als wir. Denn sie verstehen es Unsichtbares darzustellen. Dabei erweist sich die Kunst immer als das wichtigste Mittel wenn es darum geht, Ungesagtes und Ungesehenes zu erforschen. Wenn es darum geht, Dinge zu veranschaulichen, für die unsere Sprache der Worte nicht ausreicht.
Künstler sind mit anderen Sensoren ausgestattet, als wir es sind. Künstler zeigen uns was wir sonst niemals sehen würden. Künstler sind Zauberer. Auch diese beiden hier.
Im 20. Jahrhundert suchten immer mehr Künstler nach neuen Wegen und äußerten sich teilweise in einer skriptualen Kunst um eine Einheit von Bild und Schrift herzustellen. Es gibt interessante Beispiele prominenter Künstler, deren Werk durch Überlagerungen von Schriften und Bildern gekennzeichnet ist. Bei vielen wirken schon die Monogramme als Signatur wie ein Bild im Bild, wie archetypische Zeichen als Bestandteil im Bildaufbau der malerischen Komposition. Mit Bildern erzählen und Skulpturen zum sprechen bringen, das können Jana Pauke und Michael Goller.
Jana Pauke wurde 1975 im erzgebirgischen Raschau geboren. Nach der Schulzeit und dem Abitur verbrachte Sie ein Jahr in den USA. Dem Drang nach künstlerischer Tätigkeit folgend absolvierte Sie nach der Rückkehr ins heimatliche eine intensive Lehre als Holzbildhauer, bei der Sie alle Grundbegriffe und Fertigkeiten, eben das nötige handwerkliche Rüstzeug für eigenständige Kreativität, erlernte. Wieder lockten die unbegrenzten Möglichkeiten: ein weiteres Jahr verbrachte Sie in Amerika, nun als Restauratorin in einem Studio für antike Möbel in New York.
Nach einer exklusiven Ausbildung an der Fachakademie für Holzgestaltung in Garmisch-Partenkirchen, die sich Jana Pauke nach ihrem zweiten Amerikajahr  gönnte, erhielt sie mit ihrer Gesellenprüfung im Jahre 1998 eine besondere Auszeichnung für ihr überragendes Können: den Staatspreis der Regierung des Landes Bayern. Seit Oktober 1998 ist Sie nun als Theaterplastikerin in Chemnitz verantwortlich für die vielfältigsten Gestaltungsnotwendigkeiten der jeweils auf dem Spielplan stehenden Stücke.
Jana Paukes Arbeiten sind von einem starken Empfinden für Material geprägt. Dass das Holz für Sie dabei höchste Priorität genießt liegt vielleicht an den Prägungen, die Sie durch Kindheit und Ausbildung bekam. Dabei bewegt sie sich mit Ihrer Kunst fernab erzgebirgischer Schnitzerei, jedoch noch nah genug an traditioneller Formgebung, die ein Ausbrechen in die Abstraktion zulässt.
Jana Pauke muss ihr natürlich gewachsenes Material erst verletzen und scheinbar zerstören, bevor Sie neue Schönheit daraus erschafft. Das Figürliche und Erzählende, ist Jana Paukes Arbeiten immanent. Ihre  Sprache ist die der bildnerischen Darstellung. Die tief empfundene Achtung vor dem  Material und der Respekt vor dem Thema sowie die Liebe zu dem zu gestaltenden Modell ist dabei immer die wichtigste Voraussetzung für ernsthafte Qualität.
Michael Goller wurde 1974 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung in Leipzig studierte er hier in Mittweida Medientechnik/Multimedia. Seit diesem Jahr hat Michael Goller an der hiesigen Hochschule einen Lehrauftrag für Mediendesign.
Michael Gollers Kunst ist beeinflusst von skriptual arbeitenden Künstlern wie auch von expressiver Malerei. Als Bewunderer des Medienzeitalters und professionell im Umgang mit den neuen Medien ist er trotzdem leidenschaftlicher Maler. Bei der Verbindung von Schrift und Bild, die Michael Goller in zahlreichen Werken anstrebt, spielen die Aspekte des Miteinanders, der Vernetzung und der Kommunikation eine wesentliche Rolle.
Vor zehn Jahren begann er deshalb seine eigene Schrift zu entwickeln, die er mg-script nennt. Vom manchmal unbefangenen Betrachter flüchtig als nur graphisches ästhetisches Element auf seinen Bildern missverstanden, lassen sich die kristallinen Lineaturen jedoch als Zeichen deuten und lesen. Dabei erweisen sie sich oft als hilfreich beim Entschlüsseln der bildhaften Botschaften des Künstlers.
Das gotische Wort RUNA, das noch heute in unserem Worte RAUNEN weiterlebt, bedeutet Geheimnis. Zum Zwecke der Weissagung ritzten unsere Vorfahren in die Stämme von Bäumen gewisse Zeichen, eben diese Runen. Zum Zwecke der Weissagung, zum Zwecke des Verständlichmachens seines bildhaften Denkens, dient Michael Goller die Schrift auf seinen Bildern. Seine symbolträchtigen pastosen Malereien erscheinen mir dabei von besonderer Hintergründigkeit. Sein Temperament lebt auf in der Farbe. Er trägt sie vehement und doch überlegt, mit gezügelter Energie auf um den Inhalt, der ihm immer wichtig ist, maximal vermitteln zu können. Goller hinterlässt auf der Leinwand Spuren und Gesten, Andeutungen von Figürlichem, scheinbar flüchtige Notizen und eingearbeitete Fundstücke unseres schnelllebigen technoiden Zeitalters.
Kunst ist dann am Besten, wenn sie von innen, vom Herzen kommt. Sie ist, wie das Leben selbst, ein fortdauernder und niemals endender Erkenntnisprozess.
Die Arbeiten beider hier ausstellenden Künstler, Jana Pauke und Michael Goller, sind durchaus eigenständig und ernsthaft. Beide sind jung und voller Tatendrang, voller Ideen und unterwegs mit großem Ziel.
Heute so zu malen und zu gestalten scheint mir auch eine Art von Widerstand zu sein, wie es der Widerstand der Avantgarde der 60er und der 70er Jahre auf verstaubte Kunst- und überkommene Lebensauffassung war. Heute ist es ein Widerstand, der auf den um sich greifenden Mangel an Gemeinsamkeit antwortet und der Hoffnung anzustiften vermag. 
Die künstlerische Entwicklung von Jana Pauke und von Michael Goller ist noch nicht abzusehen. Aber gerade deshalb wird es spannend sein ihren Weg weiter aufmerksam zu verfolgen."
Bernd Weise, 5/2000

Radio Novum 24. 5. 2000:

Beitrag: Ausstellung „Modulationen“
Von Stefan Tenner

Anmoderationsvorschlag:  

Im Museum “Alte Pfarrhäuser ist seit Freitag  eine Ausstellung moderner Kunst zu sehen. Stefan Tenner war für uns dort und weiß mehr darüber. 

Beitrag (modulationen.wav):  Musikbett: „Dezona: Changes“ 

„Modulationen“ heiß die neue Ausstellung zweier junger Künstler aus Chemnitz. Die Plastikerin Jana Pauke und Maler Michael Goller präsentieren erstmals gemeinsam Arbeiten ihrer letzten Schaffensperiode. Was gefällt Museumsleiter Heiko Weber an der Sonderausstellung am besten?   
O-Ton: 26“ (weber.wav)  
„Also, bei Jana Pauke finde ich persönlich einmal das Medium Holz, wie aus einem grobschlächtigen Holzkörper jetzt ganz schlanke filigrane Figuren herauswachsen. Dieses Spannungsfeld hat sie mit Hammer und Stichel und Schleifpapier natürlich ganz gut herausarbeiten können. Mit Michael Goller ist es eben so, die Farbenpracht, diese Farbintensität seiner Gemälde.“
   
Die Präsentation des Gegensatzes zwischen bunten Ölbildern und schlichten Holz- und Gipsfiguren ist gewollt. Die menschliche Gestalt, mehr oder weniger entfremdet, steht im Mittelpunkt. Jana Pauke ist gelernte Holzbildhauerin und arbeitet in Chemnitz als Theaterplastikerin. Was möchte die 25jährige mit ihrer Kunst erreichen?   
O-Ton: 11“ (pauke.wav)  
„Ich möchte natürlich den Leuten auch etwas geben, also wenn die dann also zu mir kommen und sagen ich habe die angeschaut und es hat das und das Gefühl in mir geweckt oder das hat mich wirklich angesprochen, dass ist das was man erreichen möchte.“
Michael Goller präsentiert seit 5 Jahren seine größflächigen Ölbilder der Öffentlichkeit. Er ist Dozent für Mediendesign an der Hochschule Mittweida und hat hier vorher Medientechnik studiert. Wie entstehen seine Bilder?   
O-Ton: 15“ (goller.wav)  
„Das letzendliche Bild, dass ist völlig neu, dass lässt sich nicht planen, das entsteht aus dem Arbeitsprozess heraus, also man hat so ´ne Ahnung vorher wie´s werden soll, so´ne Grundidee. Und die Wirkung am Ende, dafür muss  man dann kämpfen.“
   
Beide Künstler haben ein Faible für das alte Gebäude und haben ihre Werke nach den räumlichen Gegebenheiten ausgewählt. Doch noch sind die „Alten Pfarrhäuser“ eine Baustelle. Wie war die Zusammenarbeit mit dem Museum?   
O-Ton: 13“ (goller2.wav)  
„Also, die haben uns schon sehr unterstützt. Ja. Und das eben schon lange vorher geplant. Das hat man sonst nicht so, dass auch der Veranstalter lange vorher alles in die Wege leitet im Interesse des Ergebnisses.“
   
Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Juli zu sehen. Das Museum befindet sich am Kirchberg 3 und ist wochentags von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr geöffnet. Montags ist Ruhetag. 

Musikbett fadet langsam aus!

Gesamtzeit: 2:30  
Sendetermin: 24. 5. 2000 – „Knäckebrot“ – Radio Novum

ohne titel

(ohne Titel)
2000, Öl auf Leinwand, 84 x 81 cm