"Sich
mit Kunst zu beschäftigen ist immer eine spannende Sache. Besonders
dann, wenn es sich um noch junge Künstler handelt, deren Arbeiten noch
für sich selbst sprechen müssen, da sie noch nicht zu den fest
gehandelten Werten im Kunstbetrieb gehören.
Für
ein Museum, wenn es sich auch um ein kleines handelt, ist eine solche
engagierte
Ausstellung eine Auszeichnung. Ein schönes Zeichen von
Kontinuität ist es
zumal, wenn Künstler in überschaubaren
Abständen mit ihrem Schaffen
wiederholt vorgestellt werden, wie das bei dieser Ausstellung der Fall
ist, denn
Bilder von Michael Goller waren hier bereits im Jahre 1997 zu sehen.
Dass
bei dieser Ausstellung, zu der wir heute geladen wurden, auch die
Skulpturen
einer jungen Bildhauerin, ihr Name ist Jana Pauke, zu sehen sind, ist
besonders
löblich.
Die
Kunst ist vergleichbar mit einer Sprache, die erlernbar ist, die wir
jedoch
nicht sogleich verstehen können. Wer aber kann denn eine
Sprache verstehen, die
zu erlernen er sich noch niemals bemüht hat? Kunst ist eine
Sprache, die zu verstehen
man erlernen kann.
Lassen
wir uns vorerst mit unseren ganzen Sinnen und Empfindungen auf das ein,
was uns
Jana Pauke und Michael Goller zu sagen haben. Denn die Skulpturen der
Künstlerin
und die Bilder des Künstlers beinhalten Botschaften, die durch
Worte nicht
mitzuteilen sind.
Gestatten
Sie mir trotzdem einige kurze gedankliche Ausflüge die mir in
den Sinn kamen,
als ich mich darum bemühte, meinen ausdrücklichen
Respekt vor den Arbeiten und
besonders vor dem selbstgewählten schwierig zu meisternden
Lebensweg beider Künstler
in Worte zu fassen.
Noch
in den 60er und 70er Jahren waren Tafelbild und traditionell scheinende
Skulptur
Ausgangspunkte künstlerischer Erweiterungsbestrebungen. Ein
Hort überkommener
Traditionen, den man zu überwinden trachtete. Die Antwort auf
die Avantgarde
kommt aus der sich nun zu Wort meldenden nachfolgenden Generation, die
die
Vergangenheit, die unzerstörbar ist, auf neue Weise
interpretiert.
Beide
Künstler denen wir hier begegnen, Jana Pauke wie auch Michael
Goller, gehören
zu dieser Generation.
Künstler,
so glaube ich, kommunizieren mit anderen Mitteln als wir. Denn sie
verstehen es
Unsichtbares darzustellen. Dabei erweist sich die Kunst immer als das
wichtigste
Mittel wenn es darum geht, Ungesagtes und Ungesehenes zu erforschen.
Wenn es
darum geht, Dinge zu veranschaulichen, für die unsere Sprache
der Worte nicht
ausreicht.
Künstler
sind mit anderen Sensoren ausgestattet, als wir es sind.
Künstler zeigen uns
was wir sonst niemals sehen würden. Künstler sind
Zauberer. Auch diese beiden
hier.
Im
20. Jahrhundert suchten immer mehr Künstler nach neuen Wegen
und äußerten
sich teilweise in einer skriptualen Kunst um eine Einheit von Bild und
Schrift
herzustellen. Es gibt interessante Beispiele prominenter
Künstler, deren Werk
durch Überlagerungen von Schriften und Bildern gekennzeichnet
ist. Bei vielen
wirken schon die Monogramme als Signatur wie ein Bild im Bild, wie
archetypische
Zeichen als Bestandteil im Bildaufbau der malerischen Komposition. Mit
Bildern
erzählen und Skulpturen zum sprechen bringen, das
können Jana Pauke und
Michael Goller.
Jana
Pauke wurde 1975 im erzgebirgischen Raschau geboren. Nach der Schulzeit
und dem
Abitur verbrachte Sie ein Jahr in den USA. Dem Drang nach
künstlerischer Tätigkeit
folgend absolvierte Sie nach der Rückkehr ins heimatliche eine
intensive Lehre
als Holzbildhauer, bei der Sie alle Grundbegriffe und Fertigkeiten,
eben das nötige
handwerkliche Rüstzeug für eigenständige
Kreativität, erlernte. Wieder
lockten die unbegrenzten Möglichkeiten: ein weiteres Jahr
verbrachte Sie in
Amerika, nun als Restauratorin in einem Studio für antike
Möbel in New York.
Nach
einer exklusiven Ausbildung an der Fachakademie für
Holzgestaltung in
Garmisch-Partenkirchen, die sich Jana Pauke nach ihrem zweiten
Amerikajahr gönnte, erhielt sie mit ihrer
Gesellenprüfung im Jahre 1998
eine besondere Auszeichnung für ihr überragendes
Können: den Staatspreis der
Regierung des Landes Bayern. Seit Oktober 1998 ist Sie nun als
Theaterplastikerin in Chemnitz verantwortlich für die
vielfältigsten
Gestaltungsnotwendigkeiten der jeweils auf dem Spielplan stehenden
Stücke.
Jana
Paukes Arbeiten sind von einem starken Empfinden für Material
geprägt. Dass
das Holz für Sie dabei höchste Priorität
genießt liegt vielleicht an den Prägungen,
die Sie durch Kindheit und Ausbildung bekam. Dabei bewegt sie sich mit
Ihrer
Kunst fernab erzgebirgischer Schnitzerei, jedoch noch nah genug an
traditioneller Formgebung, die ein Ausbrechen in die Abstraktion
zulässt.
Jana
Pauke muss ihr natürlich gewachsenes Material erst verletzen
und scheinbar
zerstören, bevor Sie neue Schönheit daraus erschafft.
Das Figürliche und Erzählende,
ist Jana Paukes Arbeiten immanent. Ihre Sprache
ist die der bildnerischen Darstellung. Die tief empfundene Achtung vor
dem
Material und der Respekt vor dem Thema sowie die Liebe zu dem zu
gestaltenden Modell ist dabei immer die wichtigste Voraussetzung
für ernsthafte
Qualität.
Michael
Goller wurde 1974 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach einer
abgeschlossenen
Berufsausbildung in Leipzig studierte er hier in Mittweida
Medientechnik/Multimedia. Seit diesem Jahr hat Michael Goller an der
hiesigen
Hochschule einen Lehrauftrag für Mediendesign.
Michael
Gollers Kunst ist beeinflusst von skriptual arbeitenden
Künstlern wie auch von
expressiver Malerei. Als Bewunderer des Medienzeitalters und
professionell im
Umgang mit den neuen Medien ist er trotzdem leidenschaftlicher Maler.
Bei der
Verbindung von Schrift und Bild, die Michael Goller in zahlreichen
Werken
anstrebt, spielen die Aspekte des Miteinanders, der Vernetzung und der
Kommunikation eine wesentliche Rolle.
Vor
zehn Jahren begann er deshalb seine eigene Schrift zu entwickeln, die
er mg-script
nennt. Vom manchmal unbefangenen Betrachter flüchtig als nur
graphisches ästhetisches
Element auf seinen Bildern missverstanden, lassen sich die kristallinen
Lineaturen jedoch als Zeichen deuten und lesen. Dabei erweisen sie sich
oft als
hilfreich beim Entschlüsseln der bildhaften Botschaften des
Künstlers.
Das
gotische Wort RUNA, das noch heute in unserem Worte RAUNEN weiterlebt,
bedeutet
Geheimnis. Zum Zwecke der Weissagung ritzten unsere Vorfahren in die
Stämme von
Bäumen gewisse Zeichen, eben diese Runen. Zum Zwecke der
Weissagung, zum Zwecke
des Verständlichmachens seines bildhaften Denkens, dient
Michael Goller die
Schrift auf seinen Bildern. Seine symbolträchtigen pastosen
Malereien
erscheinen mir dabei von besonderer Hintergründigkeit. Sein
Temperament lebt
auf in der Farbe. Er trägt sie vehement und doch
überlegt, mit gezügelter
Energie auf um den Inhalt, der ihm immer wichtig ist, maximal
vermitteln zu können.
Goller hinterlässt auf der Leinwand Spuren und Gesten,
Andeutungen von Figürlichem,
scheinbar flüchtige Notizen und eingearbeitete
Fundstücke unseres schnelllebigen
technoiden Zeitalters.
Kunst
ist dann am Besten, wenn sie von innen, vom Herzen kommt. Sie ist, wie
das Leben
selbst, ein fortdauernder und niemals endender Erkenntnisprozess.
Die Arbeiten beider hier ausstellenden Künstler, Jana Pauke
und Michael Goller,
sind durchaus eigenständig und ernsthaft. Beide sind jung und
voller
Tatendrang, voller Ideen und unterwegs mit großem Ziel.
Heute
so zu malen und zu gestalten scheint mir auch eine Art von Widerstand
zu sein,
wie es der Widerstand der Avantgarde der 60er und der 70er Jahre auf
verstaubte
Kunst- und überkommene Lebensauffassung war. Heute ist es ein
Widerstand, der
auf den um sich greifenden Mangel an Gemeinsamkeit antwortet und der
Hoffnung
anzustiften vermag.
Die künstlerische Entwicklung von Jana Pauke und von Michael Goller ist
noch nicht abzusehen. Aber gerade deshalb wird es spannend sein ihren
Weg weiter aufmerksam zu verfolgen."
Bernd
Weise, 5/2000
Radio Novum 24. 5. 2000:
Beitrag: Ausstellung
„Modulationen“
Von Stefan Tenner
Anmoderationsvorschlag:
Im Museum “Alte Pfarrhäuser ist seit Freitag eine Ausstellung moderner Kunst zu sehen. Stefan Tenner war für uns dort und weiß mehr darüber.
Beitrag (modulationen.wav): Musikbett: „Dezona: Changes“
„Modulationen“ heiß die
neue Ausstellung zweier junger Künstler aus Chemnitz. Die
Plastikerin Jana
Pauke und Maler Michael Goller präsentieren erstmals gemeinsam
Arbeiten ihrer
letzten Schaffensperiode. Was gefällt Museumsleiter Heiko
Weber an der
Sonderausstellung am besten?
O-Ton:
26“ (weber.wav)
„Also, bei Jana Pauke
finde ich persönlich einmal das Medium Holz, wie aus einem
grobschlächtigen
Holzkörper jetzt ganz schlanke filigrane Figuren
herauswachsen. Dieses
Spannungsfeld hat sie mit Hammer und Stichel und Schleifpapier
natürlich ganz
gut herausarbeiten können. Mit Michael Goller ist es eben so,
die Farbenpracht,
diese Farbintensität seiner Gemälde.“
Die Präsentation des
Gegensatzes zwischen bunten Ölbildern und schlichten Holz- und
Gipsfiguren ist
gewollt. Die menschliche Gestalt, mehr oder weniger entfremdet, steht
im
Mittelpunkt. Jana Pauke ist gelernte Holzbildhauerin und arbeitet in
Chemnitz
als Theaterplastikerin. Was möchte die 25jährige mit
ihrer Kunst erreichen?
O-Ton:
11“ (pauke.wav)
„Ich möchte natürlich
den Leuten auch etwas geben, also wenn die dann also zu mir kommen und
sagen ich
habe die angeschaut und es hat das und das Gefühl in mir
geweckt oder das hat
mich wirklich angesprochen, dass ist das was man erreichen
möchte.“
Michael Goller präsentiert
seit 5 Jahren seine größflächigen
Ölbilder der Öffentlichkeit. Er ist
Dozent für Mediendesign an der Hochschule Mittweida und hat
hier vorher
Medientechnik studiert. Wie entstehen seine Bilder?
O-Ton:
15“ (goller.wav)
„Das letzendliche Bild,
dass ist völlig neu, dass lässt sich nicht planen,
das entsteht aus dem
Arbeitsprozess heraus, also man hat so ´ne Ahnung vorher
wie´s werden soll, so´ne
Grundidee. Und die Wirkung am Ende, dafür muss
man dann kämpfen.“
Beide Künstler haben ein
Faible für das alte Gebäude und haben ihre Werke nach
den räumlichen
Gegebenheiten ausgewählt. Doch noch sind die „Alten
Pfarrhäuser“ eine
Baustelle. Wie war die Zusammenarbeit mit dem Museum?
O-Ton:
13“ (goller2.wav)
„Also, die haben uns
schon sehr unterstützt. Ja. Und das eben schon lange vorher
geplant. Das hat
man sonst nicht so, dass auch der Veranstalter lange vorher alles in
die Wege
leitet im Interesse des Ergebnisses.“
Die Ausstellung ist noch bis
zum 9. Juli zu sehen. Das Museum befindet sich am Kirchberg 3 und ist
wochentags
von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr geöffnet. Montags ist
Ruhetag.
Musikbett fadet langsam aus!
Gesamtzeit: 2:30
Sendetermin: 24. 5. 2000 –
„Knäckebrot“ – Radio Novum
(ohne Titel)
2000, Öl auf Leinwand, 84 x 81 cm